"Die Zellen", erläutert Wiedemann sein Konzept, "lagern sich um den Altar wie eine Herde um ihre Hirten. Das Ganze wächst zusammen zu einer Gestalt: Die Zellen sind die Arme; der Kreuzgang das Haupt; die Kapelle mit dem Chor der Leib; der Opferaltar mit dem Tabernakel das Herz; Pforte und Pfarrhaus die Füße, welche die Lagermauer berühren." Der Zugang zur Blut-Christ-Kirche des Klosters, die im Innern (an der linken Seitenwand) die beeindruckende "Madonna von Dachau", eine Stiftung von Salvatorianern für die ehemalige Lagerkapelle der Priester im KZ, birgt, führt durch einen Wachtturm der ehemaligen Lagerbefestigung. Mit dem Bau des Sühneklosters, zu dem Neuhäusler am 28. April 1963 den Grundstein gelegt hatte, waren erhebliche technische Schwierigkeiten verbunden. Der Grund, der für die Anlage vorgesehen war, erwies sich als wenig tragfähig. Ursprünglich bestand nämlich an dieser Stelle eine Kiesgrube, in der sich Häftlinge plagen mußten, bevor sie aufgeschüttet wurde. Der Grundwasserspiegel, der hier nur 1,20 Meter tief liegt, erschwerte den Technikern noch zusätzlich die Lage. Diese waren deshalb gezwungen, die Fundamente bis zu einer Tiefe von 7,80 Metern in das Erdreich einzulassen. Noch während des Klosterbaus siedelte Berta Vorbach mit fünf Schwestern aus dem Karmel in Pützchen nach Dachau über und half dort den Maurern als Handlangerin bei der Arbeit. Dank der Mithilfe der Nonnen auf der Baustelle konnte Neuhäusler das Karmelitinnenkloster bereits am 22. November 1964 einweihen. Der Oberin blieb jedoch nicht mehr viel Zeit für die Aufgabe, die sie sich gestellt hatte. Sie starb schon am 10. März 1970 und fand als erste auf dem Friedhofshügel des Klosters ihre letzte Ruhe. Weihbischof Neuhäusler, der am 14. Dezember 1973 die Augen schloß, wurde in der Klosterkirche beigesetzt.
Die Karmelitinnen, die im Sühnekloster für die Opfer des Konzentrationslagers beten, leben in strenger, lebenslänglicher Klausur. Sie sind verpflichtet, sich den Lebensunterhalt selbst zu verdienen und auch ihre Nahrungsmittel, soweit dies möglich ist, im eigenen Garten zu erzeugen, der zudem zwei Weiher für die Karpfenzucht enthält. Die Ordensregel verbietet den Schwestern den Genuß von Fleisch. Ein nie verstummender Zeuge der nationalsozialistischen Schreckensherrschaft ist die kleinste der drei Glocken im Glockenstuhl der Blut-Christi-Kirche. Sie stammt aus dem Münchner Gefängnis Stadelheim, wo ihr Totengeläut die Menschen, die zur Hinrichtung geführt wurden, auf dem letzten Weg begleitete. (In Stadelheim endeten zum Beispiel die Geschwister Hans und Sophie Scholl von der Widerstandsgruppe "Weiße Rose" am 22. Februar 1943.)
Vom Sühnekloster kehrt man auf der Lagerstraße, die das Gelände in zwei gleichgroße Hälften teilt, zum Appellplatz zurück. Dort kann man noch einen der beiden rekonstruierten Blöcke besichtigen, der im erschreckenden Maße die zunehmende Überbelegung des Lagers in den letzten beiden Kriegsjahren dokumentiert. Danach Überquert man den Appellplatz und wendet sich geradeaus zum Ausgang.
Für Autofahrer, die noch die Ruhestätten der KZ-Opfer aufsuchen wollen, empfiehlt sich folgende Route: Man fährt zunächst von der KZ-Gedenkstätte auf der Alten Römerstraße weiter zum ehemaligen SS-Schießplatz vor dem Ortseingang von Hebertshausen. Auf dem SS-Schießplatz Hebertshausen ermordete die SS auf Grund des Kommissarbefehls Hitlers Tausende von sowjetischen Kriegsgefangenen, deren genaue Zahl nicht bekannt ist. An die Opfer erinnert heute ein Gedenkstein, den der Bildhauer Will Elfers schuf und der am 3. Mai 1964 enthüllt wurde.
Vom SS-Schießplatz folgt man der Straße nach Dachau und biegt hinter dem Bahnübergang, der die Strecke München -Ingolstadt quert, rechts auf die Zufahrt zum Parkplatz am Fuße des Leitenbergs ein. Auf der Etzenhausener Leiten, wie der Leitenberg eigentlich heißt, befindet sich der KZ-Ehrenfriedhof mit den letzten Ruhestätten von 7439 größtenteils unbekannten Häftlingen, die noch kurz vor oder nach der Befreiung des Lagers starben. Vom Parkplatz führt ein Weg an 14 Kreuzwegstationen, die mächtige, rohbehauene Marmorblöcke aus Montegrotto-Termi bei Padua mit Reliefs des Veroneser Bildhauers Vittorio di Colbertaldo bilden, vorbei zur italienischen Gedächtniskapelle "Regina Pacis" ("Königin des Friedens"). Der runde Kuppelbau im Renaissancestil, den der Architekt Ronca Euena entwarf, wurde zum Gedenken an alle italienischen Deportierten errichtet, die in den deutschen Konzentrationslagern ums Leben gekommen waren. Für die Votivkapelle, die am 29. Juli 1963 eingeweiht wurde, hatte der Mailänder Kardinal Montini Marmor aus Candoglia gestiftet.
An die italienische Gedenkstätte schließt sich der Ehrenfriedhof für die KZ-Opfer an, den eine 1,25 Meter hohe Umfassungsmauer aus Nagelfluh-Bruchsteinen umgibt. Den Mittelpunkt des Gräberfelds bildet ein markantes Holzkreuz mit Votivtafeln des Münchner Bildhauers Klaus Backmund, die bekannte Märtyrer der christlichen Kirche zeigen. Den Friedhof, dessen Weihe am 16. Dezember 1949 stattfand, gestaltete Gartendirektor Christian Bauer. Hinter dem Ehrenfriedhof liegt die Gedächtnishalle für die KZ-Opfer, die Architekt Professor Harald Roth zusammen mit dem Bildhauer Professor Josef Hiller, beide aus München, entwarf. Der achteckige, turmartige Bau, der elf Meter hoch ist, birgt im Innern (Durchmesser: neun Meter) die Embleme aller Nationen, die Opfer im Konzentrationslager Dachau zu beklagen haben. Das Richtfest für die Halle, zu der am 30. April 1950 der Grundstein gelegt worden ist, fand am 17. September 1951 statt.
Vom Leitenberg fährt man auf die Freisinger Straße weiter stadteinwärts und biegt rechts auf den Weblinger Weg ein, der zum Waldfriedhof der Stadt Dachau führt. Auf dem Waldfriedhof sind 1268 Gefangene bestattet, die nach ihrer Befreiung starben. Außerdem ruhen hier die jüdischen Häftlinge, die auf dem Evakuierungsmarsch vom Konzentrationslager Flossenbürg (bei Weiden in der Oberpfalz) nach Dachau umkamen. Zu ihrem Gedenken ließ der "Landesverband der jüdischen Verfolgten und KZ-Invaliden" auf dem Ehrengräberfeld ein vier Meter hohes Mahnmal errichten, das der Kölner Bildhauer Dieter Aldinger entwarf. Der Gedenkstein wurde am 1. Mai 1964 eingeweiht.
Vom Waldfriedhof gelangt man auf der Krankenhausstraße ins Zentrum von Dachau. (Die Strecke von der KZ-Gedenkstätte bis zum Waldfriedhof hat eine Länge von sechseinhalb Kilometern.) Man sollte Dachau nicht verlassen, ohne daran zu denken, daß die Bürger der Stadt nicht mehr und nicht weniger Schuld an den Verbrechen der Nationalsozialisten tragen als andere Einwohner unseres Landes, die diese schrecklichen Zeiten noch erlebten. Dennoch sind sie nach den Worten ihres ehemaligen Oberbürgermeisters dagegen, "etwas von dem hier geschehenen Schrecken zu verniedlichen, abzuleugnen oder gar zu vertuschen". In der Sondersitzung des Stadtrats zur Befreiung des Konzentrationslagers am 29. April 1970 erklärte Dr. Lorenz Reitmeier: "Die Stadt Dachau ist bereit, sich zur Verdammnis solchen Schreckens für alle Zukunft zu bekennen, wie in gleicher Weise alle Deutschen und alle Menschen überhaupt dazu bereit sein sollten."
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