"Vernichtung durch Arbeit"

Zwangsarbeit für die Rüstung Wie von den Mitgliedern der Widerstandsorganisation vorhergesehen, geben die seit Jahren im KL so verzweifelt prophezeiten Niederlagen der Wehrmacht im weiteren Kriegsverlauf dem Schicksal der Dachau-Häftlinge eine neue Wendung. Plötzlich ist deren Arbeitskraft in den Augen der SS kostbar, zu wertvoll, um sie durch einen zu raschen Tod zu verlieren. Nach dem Fall von Stalingrad im Winter 1943 und mit der Ausrufung des totalen Krieges müssen in Deutschland alle Reserven für die Rüstung mobilisiert werden. Systematisch werden jetzt die Häftlinge der deutschen Konzentrationslager in der Rüstungsindustrie eingesetzt. In Dachau stellt die SS ihre eigenen Betriebe auf die Produktion und Reparatur von Kriegsgerät um. Erstmals rücken jetzt Häftlingskommandos unter SS-Bewachung aus, um außerhalb des Lagers in Dachauer Wehrwirtschaftsbetrieben zu arbeiten. An die Stelle der Schikanen im KL tritt die Ausbeutung der Gefangenen als Arbeitssklaven. Zum Beispiel werden jetzt die bisher langen Zählappelle auf ein Mindestmaß verkürzt ("Blitzappelle"). Außerdem registrieren die Häftlinge eine gewisse Verbesserung der Ernährungsbedingungen.

Die Arbeit außerhalb des Lagers bringt den Häftlingen nicht nur Nachteile: Sie kommen erstmals in Kontakt mit der Dachauer Bevölkerung, die im großen und ganzen den Gefangenen Mitleid entgegenbringt. Unter großem persönlichen Einsatz können Dachauer Bürger gelegentlich sogar mit Lebensmittelgaben und mit illegaler Briefbeförderung helfen. Insbesondere die Frauen leisten hier Bewundernswertes.

Häftlinge und Bürger im Aufstand gegen die SS

In Zusammenhang mit dem weiteren Kriegsverlauf entstehen auch zahlreiche Nebenlager, darunter das Außenlager Allach in der Nähe der Bayerischen Motorenwerke (BMW). Mehr und mehr bedingen es die zunehmenden Luftangriffe der Alliierten auf die Industriezentren in und um München, kriegsentscheidende Rüstungsbetriebe in abgelegene Gebiete zu verlagern. In ihrer Nachbarschaft entstehen wiederum eigene Nebenlager des KL Dachau, die schließlich über den gesamten süddeutschen Raum verstreut sind. Die Bedingungen, die dort herrschen, gleichen oftmals der Hölle: Hunger und tödliche Krankheiten, wie zum Beispiel das Fleckfieber, raffen die Menschen in Massen dahin. Immer wieder fällt unter den Häftlingen der bittere Begriff "Vernichtung durch Arbeit", der ihr unmenschliches Los zu einem Schlagwort verdichtet.

Todesmarsch erschöpfter Häftlinge Der Vormarsch der alliierten Truppen im Winter 1944/45 stellt die Lagerinsassen in Dachau bei aller Freude vor niederschmetternde Probleme. Ständig treffen neue Häftlingstransporte aus anderen KL ein, die von der SS als lebende Beweise des NS-Terrors vor den Streitkräften des Gegners evakuiert worden sind. Zu Tode erschöpfte Menschen aus Auschwitz, Natzweiler, Buchenwald, ausgemergelt durch endlose Fußmärsche, ausgeliefert dem Hunger, der Kälte, dem Durst, in Eisenbahnwaggons gepfercht, sie alle schleppen sich mit letzter Kraft ins Lager. Die meisten sind wandelnde Leichen. Ihr Anblick erbarmt ihre Kameraden, die sie mit Lebensmitteln und Decken versorgen - oft vergeblich. Zu schnell greift der Tod nach den Neuankömmlingen.

Bald schon müssen die Dachauer Häftlinge selbst mehr denn je um ihr Leben bangen. Die Ankunft der Amerikaner scheint zwar nicht mehr weit zu sein, denn zu deutlich ist im April 1945 der Geschützdonner der immer näherrückenden Front zu hören. Jedoch wütet im Lager das Fleckfieber. Zudem plant die SS, Tausende von Häftlingen, Reichsdeutsche, Russen und Juden, auf Transport in die Ötztaler Alpen zur Errichtung einer "Alpenfestung" zu schicken. Die Häftlinge versuchen, die Befehle der SS zu sabotieren, wo es nur geht, doch am 26. April beginnt für nahezu 7000 Mann der "Todesmarsch", der für viele der Gefangenen wenige Stunden vor dem Eintreffen der Befreier ein grausames Ende bedeutet.

Je chaotischer jedoch die SS in den letzten Stunden vor dem Eintreffen der US-Kampftruppen im Lager auftritt, desto bestimmter übernimmt nun das Internationale Häftlingskomitee, die geheime Widerstandsorganisation der Häftlinge im KL Dachau, die Kontrolle. Immer wieder ermahnen Mitglieder des Komitees ihre Kameraden eindringlich zur Ruhe, um den kopflosen Bewachern keinen Vorwand für ein Blutbad zu geben.

Todeszug aus Buchenwald Zugleich werden waffenerfahrene Häftlinge, darunter Spanienkämpfer, nach außen geschleust. Diese schließen sich Dachauer Bürgern an, die unter Leitung der ehemaligen Häftlinge Georg Scherer und Walter Neff durch eine bewaffnete Aktion die sinnlose Verteidigung Dachaus und die geplanten Todesmärsche der Häftlinge zu verhindern trachten. Als die "Freiheitsaktion Bayern" unter Hauptmann Rupprecht Gerngross am 28. April 1945 über den Rundfunk zum aktiven Widerstand gegen die NS-Funktionäre aufruft, ist dies für die Dachauer Widerstandsgruppe das Zeichen zum Losschlagen. Die Aufständischen stürmen das Rathaus, entwaffnen dort die Polizei und lösen mit der Sirene "Panzeralarm" aus. Dieses Signal soll der Lager-SS das Heranrücken der Amerikaner vortäuschen. Tatsächlich stoppt die verunsicherte Lagerleitung die bereits angelaufenen Evakuierungsmaßnahmen. Indes werden die Aufständischen von einer Kampfeinheit der Waffen-SS überrascht. Es kommt zum Gefecht. Die meisten Widerstandskämpfer können entkommen. Sechs Todesopfer - drei Häftlinge und drei Bürger bleiben zurück.

Die Befreier kommen

Das Geschehen im Lager entgleitet mehr und mehr der Kontrolle der Lager-SS, die schließlich Hals über Kopf aus Dachau abzieht - nicht ohne vorher noch ihre prominenten Häftlinge, wie Pastor Martin Niemöller, General Halder, General Thomas und den früheren ungarischen Ministerpräsidenten Kallay, auf Umwegen nach Südtirol zu bringen, wo sie schließlich im Hotel "Pragser Wildsee" von den Amerikanern befreit werden.

Freude über die Befreiung Unterdessen sind der kommunistische Häftling Karl Riemer aus Nürnberg und einige Kameraden im Auftrag des Internationalen Häftlingskomitees aus dem Lager geflohen, um Hilfe zu holen. Unter größter Lebensgefahr passiert Riemer die Kampflinien und schlägt sich zu den Amerikanern bei Pfaffenhofen an der Ilm durch. Mit beschwörenden Worten kann er sie veranlassen, sich nach Dachau in Marsch zu setzen. Am 29. April 1945 wird die Stadt von Truppen der 7. US-Armee eingenommen, das Lager befreit. 32.335 Gefangene begrüßen die Soldaten der 45. und der 42. Infanteriedivision mit unbeschreiblichem Jubel. Doch der Terror der SS fordert immer noch seine Opfer: 3147 Häftlinge erliegen in den Tagen nach der Befreiung ihrer Schwäche und ihren Krankheiten.

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