"Grausamkeit imponiert"

Unterdessen geht die menschenverachtende Rechnung der Nationalsozialisten bereits nach weniger als drei Jahren auf: Mit seinem Terror hat Himmler die politische Opposition größtenteils zerschlagen können oder mundtot gemacht. Hitler triumphiert: "Grausamkeit imponiert. Grausamkeit und rohe Kraft. Der einfache Mann auf der Straße läßt sich nur von brutaler Kraft und Rücksichtslosigkeit imponieren. Die Frauen übrigens auch, Frauen und Kinder. Die Leute brauchen den heilsamen Schrecken. (...) Terror ist das wirksamste politische Mittel. Ich werde mich nicht eines solchen berauben lassen, nur weil es diesen einfältigen bürgerlichen Waschlappen einfällt, daran Anstoß zu nehmen. Es ist meine Pflicht, jedes Mittel anzuwenden, um das deutsche Volk zur Härte zu erziehen und auf den Krieg vorzubereiten."

Im Konzentrationslager Dachau empfängt die SS auch weiterhin Neuzugänge, denn mehr und mehr werden Gefangene aus aufgelösten Lagern - etwa die über 30 Württemberger aus dem bei Ulm gelegenen Lager "Oberer Kuhberg" - hierhergebracht. Zu ihnen gehören unter anderem der Sozialdemokrat Kurt Schumacher, der von 1935 bis 1943 mit kurzer Unterbrechung in Dachau gefangengehalten wird und der kommunistische württembergische Landtagsabgeordnete Alfred Haag.

Sklavenarbeit Anfang des Jahres 1936 wird der Lagerkommandant Heinrich Deubel abgesetzt, nachdem bekanntgeworden ist, daß er die Häftlinge relativ human behandelt hat. Ihm folgt im April 1936 Hans Loritz. Mit dessen Dienstantritt verschlechtert sich die Lage der Häftlinge auf dramatische Weise. Sadistische Strafen wie das Pfahlhängen sind an der Tagesordnung. Zudem bedient sich die SS, wie bereits unter Eicke geschehen, einer Methode, die spürbare Solidarität ihrer Gefangenen zu untergraben und überdies die politischen Häftlinge im KL Dachau öffentlich um ein weiteres zu diskreditieren, indem sie erneut Asoziale, sogenannte Arbeitsscheue, Landstreicher, Bettler und Hausierer sowie Sinti und Roma ins Lager einweist. Ihnen folgen im Jahre 1937 bisher in Zuchthäusern inhaftierte Polizeiverwahrungshäftlinge und "Berufsverbrecher". Diese werden kenntlich gemacht durch einen grünen Winkel an der Häftlingskleidung, der sie deutlich von den Politischen (roter Winkel), den Homosexuellen (rosa Winkel) und Asozialen (schwarzer Winkel) unterscheidet.

1937 tritt erneut eine dramatische Wende im Lageralltag ein: Das alte KL, das hauptsächlich noch aus den Gebäuden der Pulver- und Munitionsfabrik besteht, wird abgebrochen. Längst genügt es nicht mehr den Sicherheits- und Kontrollansprüchen der SS. Die Bauarbeiten für das neue Lager, die über ein Jahr andauern, werden unter unmenschlichen Bedingungen von den Häftlingen selbst ausgeführt. Dieses Lager hat die Form eines Rechtecks im Ausmaß von 600 auf 250 Metern. Zu beiden Seiten einer breiten Lagerstraße stehen jeweils 15 Wohnbaracken ("Blöcke" genannt), von denen jede Baracke nach Plan 180 Häftlinge aufnehmen soll. In weitaus größeren Dimensionen entstehen der neue Bunker, das Wirtschaftsgebäude mit Küche und Werkstätten und der Appellplatz. Das Lager ist gesichert durch elektrisch geladenen Stacheldraht, Gräben, Mauern und sieben Wachttürme, die Tag und Nacht mit Doppelposten besetzt sind - ausgerüstet mit Maschinengewehren.

Die Schrecken von Mauthausen

Das neue Lager (1938) Kurz nach seiner Fertigstellung ist das für 5000 Gefangene berechnete Lager bereits völlig überfüllt. Die Annexion Österreichs, von der NS-Propaganda-Maschinerie als "Anschluß" gefeiert, führt dem KL Dachau im März 1938 neue Häftlinge zu: Die gesamte nichtfaschistische geistige Elite der Alpenrepublik kommt in Schutzhaft. Dachauer SS-Männer begeben sich eigens nach Wien, um ihre Gefangenen - darunter zahlreiche Mitglieder der bisherigen österreichischen Regierung - abzuholen. Im Zuge der sogenannten Reichskristallnacht vom 9. November 1938 werden in der Zeit vom 10. November bis zum 22. Dezember nach Massenverhaftungen noch einmal 10.911 Menschen als "Aktionsjuden" zu den anderen Häftlingen im KL Dachau gepfercht. Die meisten dieser Unglücklichen werden jedoch bald schon wieder entlassen, um nur wenig später ein furchtbares Ende in Vernichtungslagern wie Auschwitz, Treblinka und Maidanek zu finden.

Das Kriegsjahr 1939 bringt für das Konzentrationslager einige Veränderungen. Eine, von der die Häftlinge nur wenig mitbekommen ist jene: Mit Wirkung vom 1. April 1939 werden die Gemeinde Etzenhausen und Teile der Gemeinden Augustenfeld, Günding, Hebertshausen und Prittlbach der Stadt Dachau angegliedert. Damit gehört auch das Konzentrationslager zum Stadtgebiet. Wenige Monate später wird jedoch das Lager vorübergehend geräumt, um dort Einheiten der Totenkopf-Verbände für ihren bevorstehenden Fronteinsatz militärisch zu schulen.

Lediglich 100 Gefangene bleiben in Dachau zurück. Diese Männer sind sich kaum bewußt, welches Glück sie damit haben. Ihre Kameraden kommen nach Flossenbürg und, darunter 300 Österreicher, nach Mauthausen, wo sie unter schlimmsten Mißhandlungen der sie begleitenden Dachauer SS-Leute ein neues Konzentrationslager errichten müssen. Hier sind, im Gegensatz zum KL Dachau, die entscheidenden Häftlings-Positionen (Capos, Stubenälteste, Blockälteste, etc.) mit Kriminellen besetzt, die mit der SS gemeinsame Sache machen, die selbst vor der Ermordung politischer Mitgefangener nicht zurückschrecken. Schon bald ist dieses Lager als "Mordhausen" verschrieen und gefürchtet. Hier wird Eickes Disziplinar- und Strafordnung auf das Perfideste in die Tat umgesetzt.

Häftlinge im Widerstand

Was den in Dachau verbliebenen Männern erspart geblieben ist, erkennen sie, als die wenigen Überlebenden aus Flossenbürg und Mauthausen nach fünf Monaten zurückkehren. Sie sind nur mehr Skelette. Aus der Schreckenszeit in Mauthausen ziehen die Häftlinge unumkehrbare Schlüsse, haben sie doch auf bittere Weise erfahren, was passiert, wenn Häftlingsfunktionen in falsche Hände geraten. Sie schwören sich, fortan dafür zu kämpfen, daß in die Positionen des Blockpersonals und der Capos nur noch vertrauenswürdige Kameraden gelangen. Damit legen die Männer 1939 "das Fundament für eine Widerstandsorganisation, die sich allmählich aus den ersten Solidaritätsanstrengungen entwickelt."

Medizinische Experimente Hitlers Überfall auf Polen am 1. September 1939, der den Zweiten Weltkrieg einleitet, verändert das Gesicht des KL Dachau nachhaltig. Immer größer wird der Anteil jener Häftlinge, die über dem roten Winkel ein "P" für Pole tragen. Viele dieser Männer sind Priester. Der Siegeszug der Wehrmacht führt dazu, daß schließlich Gefangene aus 27 Ländern in Dachau hinter Stacheldraht dem Terror der SS-Bewacher ausgeliefert sind. Den Polen folgen Dänen und Norweger. Später rücken Franzosen, spanische Interbrigadisten, Luxemburger, Niederländer und Belgier in Dachau ein. Das Lager gleicht einem Hexenkessel.

Segensvoll wirkt sich jetzt die vom Geist der internationalen Solidarität getragene Arbeit der geheimen Widerstandsorganisation aus, welche die deutschen KL-Häftlinge Karl Wagner und Walter Vielhauer nach dem Krieg mit folgenden Worten zusammenfassen: "Unser Ziel, das unser ganzes Handeln bestimmte und unter dem jede unsere Tätigkeit und jede unsere Anstrengung gesehen werden muß, war

1. die ganzen Jahre über so vielen Häftlingen wie möglich das Leben zu erhalten,

2. den Völkern, die von Hitler-Deutschland überfallen und deren Mitglieder nach Dachau verschleppt wurden, durch unser tägliches Handeln zu beweisen, daß das humanistische Deutschland auch unter der brutalen Faust der barbarischen SS-Herrschaft nicht ganz erstorben war, sondern zumindest in den Lagern über ein Jahrzehnt lang hat erhalten werden können,

3. alles zu tun, um den Krieg so schnell wie möglich zu beenden, indem wir alles (unternahmen), um die Rüstungsproduktion zu behindern. Es mag sein, daß uns manche Leute deshalb als Landesverräter ansehen, aber jeder Tag, der das Kriegsende näher bringen konnte, war ein Vorteil für viele Menschen, aus unserem eigenen Vaterland und aus allen Vaterländern Europas.

4. Unsere vierte Aufgabe, die sich in den letzten Jahren intensiver stellte, war, alle Lagerinsassen auf die Möglichkeit einzustellen, daß gegen Kriegsende mit nicht vorhersehbaren Brutalitäten von seiten der SS zu rechnen sei und daß deshalb Pläne entwickelt werden müßten (...), einen erbitterten Endkampf ins Auge zu fassen."

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