REZENSION |
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DER ALTE MANN UND DIE GASKAMMER"MARTIN": EIN BEWEGENDES VIDEO VON EINEM KZ-ÜBERLEBENDEN, DER DAGEBLIEBEN UND MIT SEINER WAHRHEIT ALLEIN GEBLIEBEN IST. SEIN "QUERULANTEN"-STIL PROVOZIERT UNS ALLE
![]() Herr Zaidenstadt, jüdischer Gefangener aus Polen, sollte nicht krepieren, sondern von den Nazis als Arbeitskraft gebraucht werden. Er bekam also einen nicht jüdisch klingenden polnischen Namen, wurde als polnischer Soldat behandelt und malochte im Konzentrationslager Dachau bei München. Nach der Befreiung durch die U.S.-Armee heiratete er eine Frau am Ort und lebt mit ihr (drei Kinder, lange erwachsen) noch bei Dachau. Fast täglich geht er in die KZ-Gedenkstätte, erzählt von seinen Erlebnissen, kritisiert, wenn er kosmetische Schönungen durch die Leitung wahrnimmt, und lässt sich von und mit BesucherInnen fotografieren. Für seine selbst bezahlten Adresskarten nimmt er auch Geld an, was die Besucher mit Selbstverständlichkeit geben: ein Zeitzeuge des Holocaust, dazu umgänglich und detailkundig, davon kann man zuhause erzählen. Sie schicken ihm gerne Briefe und Fotos aus Athen, Nebraska oder Tokyo oder wohin immer sie heimkehren. Dachau hat eine Gaskammer, die aber nach dem heutigen Forschungsstand wohl nur ein- bis zweimal technisch "ausprobiert" wurde, ansonsten massenmordeten die Nazis dort "konventionell" und organisierten einen Fließband-Schnellbetrieb an zwei Krematorien. Martin Zaidenstadt hat Fotos von SS-Leuten am Krematorium, die von u.s.-amerikanischen Soldaten stammen und das Krematorium in Gebrauch zeigen, aber des Zeitpunkts wegen offensichtlich nicht zum Beweis taugen, dass die Gaskammer vorher in Betrieb war. Vielmehr zwangen die U.S.-Soldaten offenbar die SS-Leute, den Gebrauch vorzuführen, und machten Fotos davon. Der alte Mann scheint sie jedoch als Beweise zu werten, während die Leitung und wohl noch mehr die Bevölkerung -in der Hilflosigkeit sind all solche Dinge ja verständlich- Wert darauf legt, "gaskammerlos" durchgekommen zu sein. Scheinbar ein Makel weniger für eine Stadt, deren gesamte Bevölkerung seinerzeit auf Geheiß der U.S.-Armee an den Leichenbergen vorbeidefilieren musste, wovon ebenfalls schauderhafte Aufnahmen erhalten sind. Das Video von dem israelischen Autor-Regisseur Ra'anan Alexandrowicz greift uns mehr an als andere, vielleicht mit schrecklicheren Details gefüllte, denn die problematischen eigentlichen Hauptpersonen sind die BesucherInnen, also "wir". Besucher aus Israel kommen nach München, treffen eine griechische Freundin, und der Plan, die KZ-Gedenkstätte zu besuchen, wird - naja, nicht gerade locker wie das Hofbräuhaus, aber doch wie die Frauenkirche oder der Starnberger See eben mal so ins Besichtigungs-Programm aufgenommen. Die Taxifahrerin weiß Bescheid, was mit Dachau war, und ohne Punkt und Komma oder Zwischenpause kostet das 13 Mark 10. Martin Zaidenstadt ist ein "Querulant", ein Einzelgänger, wie sie in der "verwalteten Welt" viel zu wenig be-achtet werden ("XY ist kein Einzelfall" ist in der Sprache linker Öffentlichkeit seit langem eingebürgert als schändlicher Ausweis, dass ein Mensch öffentlicher Aufmerksamkeit noch nicht als Einzelner, sondern erst mit quantitativem Gewicht wert ist): ihr Reden oder Handeln ist meistens nicht geradlinig verwendbar, führt aber auf ungewöhnliche neue Fährten. Hier ist es die Frage, die immer wieder aufgeworfen wird, sei es von Michael Naumann oder Henryk M. Broder, von Walter Jens oder -in pubertärem Stil und ohne Missbrauch zu bedenken- von Martin Walser: was passiert, wenn das Erinnern an den Holocaust in den "Mainstream" eingespeist wird, also massenhaft den Gesetzen "staatlich geprüfter" Ästhetik und Didaktik sowie den Marktgesetzen der Kulturindustrie anheimfällt. Alexandrowicz's Botschaft ist ganz einfach: achte auf dich selbst und auf die Opfer -übrigens auch die Täter- streng und ungebrochen als Individuen. Der "Mainstream" braucht diese ständige Korrektur. Martin sagt zum Beispiel: "Nicht alle SS-Männer waren Verbrecher", sonst sagt das nur jemand wie Rep-Schönhuber, aber das ist etwas anderes. Ich würde den Satz niemals aussprechen, aber aus Zaidenstadts Mund ist die Aussage geschützt gegen die Genugtuung heutiger Nazis. So lässt das Video auch die Leiterin zu Wort kommen mit der wichtigen methodischen Einsicht, dass Zeitzeugen oft nicht verlässlich sind (nur fehlt die Ergänzung: dass auch die Umwege der Erinnerung eine Logik haben, die Aufmerksamkeit verdient); so streitet sich das Team, ob es "unwürdig" ist, dass Martin die Hand aufhält; so sind die deutschen Angestellten -ach so deutsch, aber harmlos- unzufrieden mit der Eigenmächtigkeit, dass der Mann sich herausnimmt, im Rauchverbot zu rauchen ... Die Leiterin hat etwas verstanden: Brüche wie diese, resümiert sie, gehören zu diesem Ort. Wer den Film sieht, wird aufatmen und denken: gottlob ist dem Überlebenden nichts Schlimmeres geblieben, neben schlaflosen Nächten, als die kreative Senioren-Querulanz; kann denn ein Mensch aus dieser Erfahrung völlig glatt-"normal" herauskommen? Martin Zaidenstadt singt mit fürs Alter noch ungebrochener Stimme jüdische Gesänge, examiniert den israelischen Interviewer mit humorvoller Strenge auf Hebräisch über Josua-Worte aus der Heiligen Schrift -ja, richtig: Sonne stehe still - und dem Eindruck dieses Gesichts in den vielen Nahaufnahmen kann sich wohl niemand entziehen. "Nicht nur [???] Überlebender, sondern auch Mann" -gemeint ist an dieser Stelle wohl:"Mensch"-, so sagt es der Katalog, und es ist kein Kitsch. Martins Frau und die Kinder kommen nie in die Gedenkstätte, sagt er. "Ich bin allein" - auch nach Israel wollte er nicht, als Querkopf hätte er Schwierigkeiten mit den Rabbis erwartet. Verdrängung und Bearbeitung sind "natürliche", auf jeden Fall lebendige Vorgänge in "Martin". Gezeigt wurde das Video vom 10. Bis 16. Februar 2000 auf dem "Internationalen Forum des jungen Films" und dem "European Film Market" der Berliner Filmfestspiele; erhältlich ist es von "First Hand Films" (Bülach/Schweiz). Und es verdient jede Aufmerksamkeit, gerade auch mit Rücksicht auf die Unterschiede zwischen den Generationen. |