Walter Neff berichtet
»Anfang März (1945) wird die Situation kritisch, und es drängt mich mit allen Fasern meines Seins zurück nach Dachau, denn die Stunde der Entscheidung ist gekommen. So entschließe ich mich, die Truppe heimlich zu verlassen und nach Dachau zu fahren. In meine Wohnung kann ich nicht. Doch habe ich eine mutige Frau kennengelernt, von der ich weiß, daß sie jederzeit die Häftlinge unterstützte und auch nötigenfalls zu jedem Einsatz bereit ist. Dort halte ich mich verborgen, treffe ehrliche, gleichgesinnte, aufrichtige Männer von Dachau, und wir beratschlagen, wie es evtl. möglich sein werde, eine Verteidigung der Stadt zu verhindern. Vor allen Dingen müssen Waffen besorgt werden. Dazu finde ich den Weg und fahre mit dem Rad zu allen den SS-Frauen, deren Männer an der Front sind. In Polizeiuniform fordere ich sie auf, daß sie sämtliche Waffen, die sie besitzen und im Haus haben, abgeben, und zwar zur Verteidigung der Stadt Dachau. Damit bringe ich eine Menge Gewehre und Pistolen aller Art zusammen.
Beunruhigende Nachrichten kommen aus dem Lager, mit dem ich in engster Fühlung stehe. Man will das Lager evakuieren. Ich bin mir klar, daß solche Evakuierungsmärsche Todesmärsche für die Gefangenen sind. (...)Jetzt gilt es, möglichst viele Häftlinge zu befreien, um das Häuflein der Widerstandskämpfer zu vermehren. Anny, die Frau, der das Häuschen gehört, in dem ich mich aufhalte, ist sofort einverstanden, als ich den Vorschlag mache, daß die Gefangenen, die wir befreien, nachts in ihrem Haus umgekleidet werden, um dann, in Zivil und mit Waffen versehen, in Dachau in die einzelnen Häuser verteilt zu werden, wo verläßliche Gegner des Regimes wohnen. Ein Arbeitskommando mit 25 Häftlingen wird mitsamt der Wachbegleitung ausgehoben, tagsüber in einem Bunker versteckt und nachts bei uns umgekleidet und bewaffnet. Die Wachmannschaft hatte keine Lust, sich in eine ernsthafte Auseinandersetzung einzulassen. Wir nahmen ihr die Waffen weg und schickten sie nach Hause. Sie waren ja froh, wenn sie so billig wegkamen, flüchteten, da sie unter diesen Umständen nicht mehr ins Lager zurück konnten. So war ein ständiges Kommen und Gehen, und besonders Frauen waren rührig, um die Verbindung unter uns aufrechtzuerhalten.
Eine Schreckenskunde jagt die andere, bald hieß es, das Lager werde in die Luft gesprengt, bald hieß (es), es würde von der eigenen Luftwaffe bombardiert. Unser Stoßgebet war: 'Herrgott, laß die Amerikaner schneller kommen!" Aus sicherster Quelle erhalte ich Nachricht, daß nun tatsächlich ein Befehl zur Liquidierung des Lagers eingetroffen sei. Nach unseren Berechnungen dürfte es nur noch ein bis zwei Tage dauern, bis die Amerikaner hier sind. Wir müssen losschlagen! Es ist Donnerstag abend, der 27. April 1945. (Hier irrt sich Neff im Wochentag; der 27. April war ein Freitag, d. Verf.) Auf unserer Seite stehen eine Anzahl Dachauer Bürger, eine Kompanie Volkssturm sowie 60 Häftlinge, die wir inzwischen in Sicherheit bringen konnten und die sich alle ausnahmslos sofort zur Verfügung stellen. Ein überraschender Schlag müßte eigentlich Erfolg haben, doch ist nicht damit zu rechnen, daß der Einmarsch der Alliierten vor zwei Tagen erfolgen wird. Folglich ist es klüger, noch etwas abzuwarten.
Während wir nachts Pläne schmieden, ertönt aus dem Rundfunk die Meldung vom Aufstand in München und die Aufforderung, überall loszuschlagen. Der veränderten Situation Rechnung tragend, beschließen wir, am nächsten Morgen, früh 8 Uhr, die Stadt zu besetzen und, wenn möglich, auch das Lager zu entsetzen. Eine halbe Stunde vor Beginn des Aufstandes wird in aller Ruhe die bewaffnete Hitlerjugend ausgehoben, die sich in einer Schule gesammelt hatte. (Gemeint ist die ehemalige Kirchenschule neben der Pfarrkirche St. Jakob, d. Verf.) Sie wird entwaffnet und nach Hause geschickt. Punkt 8 Uhr früh besetze ich mit meinen Leuten das Rathaus, während die anderen die Straßen- und Brückensicherungen übernehmen.
Im Rathaus ist der Bürgermeister der Stadt und verschiedene andere, die ich sofort festnehme und der Stadtpolizei übergebe. Wir wollen kein Blut vergießen, wir wollen das Gegenteil, wollen verhindern, daß noch weiter Blut fließt. Auch sind wir nicht Richter über die Gewaltherren; das haben andere zu tun. Die Polizei verhält sich mustergültig und mischt sich in keiner Weise in die Geschehnisse ein. Von den Aufständischen darf auch keiner die polizeilichen Amtsräume betreten. Um 9 Uhr gebe ich durch die Sirenen Feindalarm. Dieser Feindalarm soll bezwecken, daß Verwirrung unter der Lager-SS entsteht. Die Lagerführung, die in ihrer Macht so kalt, brutal und grausam ist, wird bei Annäherung ernsthafter Gefahr sofort die Flucht ergreifen Wir haben richtig kalkuliert. Die einlaufenden Meldungen besagen, daß Wagen auf Wagen in Richtung München verschwindet. Komfortable Führerautos sind es. Vereinzelt fallen Schüsse, und es wird gemeldet, daß stärkere SS-Verbände im Anzug sind, um die Stadt anzugreifen. Solange sie nicht mit schweren Waffen kommen, können wir Dachau halten, da es ja oben auf dem Berg liegt.
Eine neuerliche Meldung besagt, daß zwei Kompanien mit schweren Waffen die Stadt umkreisen und alle Zuzugsstraßen sperren. Nun heißt es, klaren Kopf behalten. Eine weitere Verteidigung der Stadt ist sinnlos, da uns jegliche schwere Waffen fehlen. So entschließen wir uns zum Rückzug und geben dementsprechende Befehle durch. Im Kampfeifer, der sich inzwischen entwickelt, haben nicht alle den Rückzugsbefehl gehört, so daß es der SS gelingt, vier unserer Leute gefangenzunehmen und diese sofort an Ort und Stelle zu erschießen. (Insgesamt finden beim Aufstand sechs Männer den Tod: Fritz Dürr, Anton Hackl, Erich Hubmann, Johann Pflügler, Anton Hechtl und Lorenz Scherer, d. Verf.) Allen anderen gelingt es, sich durchzuschlagen. Ich selbst verstecke mich fünfhundert Meter vom Lager in einem Wald an der Amper, um die Weiterentwicklung zu beobachten. Im Lager herrscht Ruhe. Das Rollen der zurückflutenden Deutschen Wehrmacht klingt durch die Nacht. Immer näher kommen die, die wir als Befreier so heiß ersehnen. Am nächsten Tag (...) ist es soweit. Aus Tausenden von Kehlen ein Freudenschrei. Die ersten Panzer haben das Lagertor passiert. Ein unbeschreiblicher Jubel klingt zu mir an den Waldrand. Die Gefühle, die mich in dieser Stunde durchfluten, kann man wohl wiedergeben, mir aber fehlen die Worte dazu.«