Sein Mut rettet am 28. April 1945 Tausenden von Häftlingen das Leben und bewahrt Dachau vor der sinnlosen Verteidigung durch die SS.
Sicher ist, daß Neff den Beruf des Landwirts erlernt hat und später nach Österreich gegangen ist, wo er als Verwalter eines Gutsbetriebs gearbeitet hat. Dort sorgt er für die Festnahme von nationalsozialistischen Terroristen, die einen Bombenanschlag auf eine Gendarmeriestation geplant haben. Sein Kampf gegen die Gewalt kommt ihm bald teuer zu stehen. Bei der Annexion Osterreichs durch die Nationalsozialisten wird Neff sofort festgenommen und am 14. März 1938 ins KZ Dachau eingewiesen. Da verschärfte Schutzhaft über ihn verhängt worden ist, kommt. er noch am Tag seiner Ankunft in den Bunker des Lagers. Dort muß er neun Monate lang in einer Einzelzelle zubringen. Am Heiligen Abend des Jahres 1938 wird Neff aus dem Kommandanturarrest entlassen und umgehend der Strafkompanie zugeteilt, wo ihn ein Leben erwartet, das an Härte dem Aufenthalt im Bunker kaum nachsteht. Als im März 1939 das Jahr der verschärften Schutzhaft abgelaufen ist, kann er die Strafkompanie verlassen. Neff, der mit einem Körpergewicht von hundert Kilogramm ins Lager gekommen ist, wiegt jetzt nur noch 61 Kilogramm. Mitfühlende Kameraden sorgen dafür, daß der Geschwächte eine leichte Arbeit im Häftlingsrevier erhält, damit er wieder zu Kräften kommt. Schließlich wird der Schutzhaftlagerführer, SS-Hauptsturmführer Adam Grünewald, im Krankenbau auf den Untergetauchten aufmerksam und verbannt Neff zum Arbeitseinsatz auf die Plantage, damit ihm, wie sich Grünewald ausdrückt, wieder »der Speck vergeht«. Doch Neff hat Glück und findet dort eine Tätigkeit in einer landwirtschaftlichen Versuchsabteilung, die seinem Beruf entspricht. Im Jahre 1940 steigt er in der Lagerhierarchie auf und wird zum Stubenältesten bestellt. In dieser Funktion droht ihm eine schwere Lagerstrafe, weil er seinen erschöpften Mitgefangenen gestattet hat, sich an einem arbeitsfreien Sonntag nachmittags im Schlafraum auf die Betten zu legen, was nach der Lagerordnung strengstens verboten ist. Um Neff vor der Bestrafung zu bewahren, löst ihn der Lagerälteste Georg Scherer, mit dem Neff bald eine tiefe Freundschaft verbindet, vom Posten des Stubenältesten ab und versetzt ihn als Nachtpfleger ins Revier. Dort ist er dem strafenden Zugriff seines Blockführers entzogen.
Im Jahre 1941 erhält Neff mit der Ernennung zum Oberpfleger den Auftrag, auf dem Revierblock 5 eine Versuchsstation für Tbc- Kranke einzurichten. Auf Befehl des Reichsführers-SS. Heinrich Himmler, soll hier geprüft werden, ob mit Mitteln der Homöopathie Heilerfolge bei lungenkranken Häftlingen zu erzielen sind. Damit wird die erste medizinische Versuchsabteilung im Konzentrationslager Dachau eröffnet. Weitere Stationen folgen bald. Neff ist von Anfang an bemüht, eine ganze Kraft darauf zu verwenden, Leben zu erhalten. So entläßt er einmal fünfzig unheilbar Kranke aus dem Revier »probeweise« ins Lager, um zu verhindern, daß sie von einer Ärztekommission, die ihren Besuch in Dachau angekündigt hat, zur Vergasung im Schloß Hartheim bei Linz bestimmt werden. Wie sehr ihm das Wohlergehen seiner Patienten am Herzen liegt, zeigt auch die folgende Begebenheit: Damit er den Kranken ein Weihnachtsgeschenk machen kann, bäckt er mit Helfern vor dem Fest heimlich im Tunnel der Fernheizung unter dem Revier in vier Nächten insgesamt 8000 Plätzchen und mehrere Kuchen.
Ausgerechnet der 33. Geburtstag bringt Neff den schwersten Einschnitt in seinem Leben. Am 22. Februar 1942 eröffnen ihm Offiziere und Ärzte der Luftwaffe ihre Absicht, auf seinem Block medizinische Versuche an Häftlingen durchzuführen. Doch Neff verteidigt seine Kranken und verhindert in zähen Verhandlungen, die sich über fünf Stunden hinziehen, die Räumung aller vier Stuben des Tbc-Blocks. Die Luftwaffe begnügt sich schließlich mit nur anderthalb Stuben. Zum erstenmal lernt Neff nun den Stabsarzt der Luftwaffe und SS-Untersturmführer Dr. Sigmund Rascher kennen, der ein Günstling Himmlers ist. Dieser hat beim Reichsführer- SS durchgesetzt, daß Häftlinge in Dachau für medizinische Experimente mißbraucht und sogar, wie sich bald zum Entsetzen von Neff herausstellt, vorsätzlich getötet werden. Die Genehmigung für die Versuche erhielt Rascher am 4. Dezember 1941 von Himmler aus dem Führer-Hauptquartier. Der Persönliche Referent Himmlers, SS- Sturmbannführer Dr. Rudolf Brandt, teilte dem Arzt mit: »Ihr Schreiben vom 24.11.1941 konnte ich dem Reichsführer-SS vorlegen. Der Reichsführer-SS ist damit einverstanden, daß die seinerzeit von ihm genehmigten Versuche an Konzentrationslagerhäftlingen im Lager Dachau ausgeführt werden. Die Inspektion der K.L. ist angewiesen worden, den an den Versuchen beteiligten Sanitätsoffizieren jeweils die Genehmigung zum Betreten des Lagers zu gewähren.« Rascher steigert sich bei den Experimenten förmlich in eine Mordlust hinein. Neff führt mit seinen Helfern immer wieder einen verzweifelten Kampf, um die Opfer des Arztes mit List dem Tode zu entreißen. Nur auf Drängen seiner Kameraden bleibt er auf dem Posten. Sie bestürmen ihn sogar, als Mitarbeiter von Rascher weiter auf der »Versuchsstation Luftwaffe« auszuharren, weil er dem Grauen wenigstens noch Grenzen setzen kann.
Am 15. September 1942 wird Neff auf Anordnung von Himmler aus der Schutzhaft entlassen. Der Reichsführer-SS zwingt ihn aber, seine Tätigkeit bei Rascher als »Zivilangestellter der Waffen-SS« fortzuführen. Es ist ihm lediglich gestattet, sich in der Stadt Dachau ein Zimmer zu nehmen. Um ihn weiter an das Lager zu binden, muß er schließlich sogar Polizeiuniform anziehen. So teilt die Adjutantur des Reichsführers-SS in Berlin am 2. November 1942 Rascher an seine Münchner Privatadresse in der Trogerstraße 56 mit: »Wegen Neff wurde beim Hauptamt Ordnungpolizei veranlaßt, daß er sofort als Polizeireservist eingezogen wird, um dann für das Lager abkommandiert zu werden.« Neff muß nun in Uniform und mit Pistole am Koppel zum Dienst im Lager erscheinen, was seine ehemaligen Mitgefangenen erstaunt. Es gelingt ihm jedoch, eine Ausnahmeregelung zu erwirken, die es ihm erlaubt, künftig in Zivil zu arbeiten. Neff lehnt es energisch ab, sich an Experimenten zu beteiligen, die den Krieg in irgendeiner Form unterstützen. Er akzeptiert nur Versuche, wie er Rascher erklärt, »auf einem Gebiet, das Verunglückten und Erfrorenen Hilfe bringen soll«. Das sind zunächst Tests, die zeigen sollen, wie Kampfflieger den plötzlichen Drucksturz beim Abschuß ihrer Maschine in großen Höhen (beispielsweise 15000 Meter über dem Boden) und den Absprung aus dem Flugzeug überleben können. Die zweite Versuchsreihe gilt Flugzeugbesatzungen, die im Meer niedergehen müssen und dort eisigen Wassertemperaturen ausgesetzt sind. Unterkühlungsversuche mit Häftlingen sollen Wege weisen, wie die Flieger vor dem Tod zu bewahren sind.
Rascher kennt bei vielen Versuchen kein Erbarmen mit seinen Opfern und beendet die Experimente erst, nachdem der Tod der Versuchsperson eingetreten ist. Neff, der das Grauenvolle oft ohnmächtig mit ansehen muß, führt heimlich über alle Morde Buch. So sind nach seinen Aufzeichnungen bei insgesamt 320 Experimenten in der Unterdruckkammer 54 Männer umgekommen. Bei den 360 Wasserunterkühlungsversuchen finden 74 Häftlinge den Tod. Drei Gefangene überleben die Luftunterkühlungsversuche nicht, von denen 120 durchgeführt werden. Außerdem ermordet Rascher 56 Männer außerhalb der Station mit Giftpräparaten. Am Ende hat er den Tod von 187 Menschen auf dem Gewissen, die alle das Opfer seiner Versuche geworden sind. Unerwartet bietet sich im Jahre 1944 für Neff eine Gelegenheit, dem Treiben Raschers ein Ende zu bereiten. In einer Zeitung liest er zufällig den Bericht über eine Kindsentführung, wobei die Personenbeschreibung der Täterin auf die Ehefrau Raschers zutrifft. Durch seine Aussage kann die Polizei den Raschers eine ganze Serie ähnlicher Verbrechen nachweisen: nämlich daß Nini Rascher mit Wissen des Mannes »ihre vier Kinder« nicht selbst zur Welt gebracht, sondern von anderen Müttern geraubt hat. Neff erreicht durch seinen Gang zur Münchner Kriminalpolizei, daß die Eheleute dem Schutz Himmlers entzogen und in Haft genommen werden. Sigmund Rascher, der auch in andere kriminelle Machenschaften verwickelt gewesen ist, wird am 26. April 1945 im Dachauer Bunker vom SS- Oberscharführer Bongartz erschossen. Nini Rascher kommt ins KZ Ravensbrück, verübt dort einen Überfall auf eine Aufseherin und wird auf Befehl Himmlers gehenkt.
Nach der Festnahme Raschers gibt die SS Neff jedoch noch nicht frei. Er führt inzwischen ein Arbeitskommando des KZ Dachau in Schlachters am Bodensee. Als dort im Oktober 1944 ein jugoslawischer Häftling flieht, wird Neff mit sofortiger Wirkung zu einem Panzerjagdkommando an die Front strafversetzt. Anfang März 1945 setzt er sich heimlich von der Truppe ab und kehrt nach Dachau zurück, wo er in den letzten Kriegstagen seinen Platz sieht, um weitere Verbrechen der SS im Lager und in der Stadt zu verhindern. Zusammen mit seinem Freund Georg Scherer organisiert er den Dachauer Aufstand, der dazu führt, daß die SS die bereits angelaufene Evakuierung des Lagers abbricht und die Flucht ergreift. Der Stadt bleiben dadurch schwere Kämpfe erspart. Die dramatischen Ereignisse des 28. April 1945 beschreibt Neff später in seinem Buch »Arzt des Todes«, das 1949 im Zwei-Brücken- Verlag in Miesbach erscheint. Das gedruckte Werk gilt heute als unauffindbar; das Manuskript ist jedoch erhalten. (siehe auch Walter Neffs Bericht über den Dachauer Aufstand)
Nach der Befreiung Dachaus durch die amerikanische Armee am 29. April 1945 beginnt für Neff der Leidensweg aufs neue. Belastet durch die Aussagen von kriminellen Mitgefangenen, die ihn wegen seiner Beteiligung an den medizinischen Versuchen vor den US- Anklägern zum Mörder stempeln wollen, wird Neff am 14. Juni 1946 von den Amerikanern festgenommen und ein zweites Mal in den Bunker des ehemaligen Konzentrationslagers Dachau gebracht. Später kommt er ins allgemeine Internierungslager. Dort muß er mit ebenfalls verhafteten SS- Leuten, die ihn früher, wie er sich erinnert, »blutig geschlagen haben«, an einem Tisch sitzen. Wütend erklärt ihm einer: »Hätten wir euch alle umgebracht, dann hätten wir wenigstens keine Zeugen mehr.«
Schließlich wird Neff als Zeuge für den Ärzteprozeß nach Nürnberg gebracht, wo er weiter monatelang als Gefangener der Amerikaner eingesperrt bleibt. In dieser Zeit schickt der Stadtrat von Dachau ein Gesuch an den Nürnberger Gerichtshof mit der Bitte, die Haltung Neffs während des Aufstandes zu berücksichtigen und die Klärung seiner Angelegenheit zu beschleunigen. Doch erst nach sechs Monaten kehrt Neff nach Dachau zurück, um dort wieder in Haft genommen zu werden. Ein Fluchtversuch, den Neff durch den Abwasserkanal des Lagers wagt, scheitert am unerwartet hohen Wasserstand in den Tonröhren. Im November 1947 wird Neff endlich von den Amerikanern entlassen. Aber er kommt nicht weit. Am Lagertor steht bereits die deutsche Polizei, die ihn auf Anordnung der Spruchkammer Dachau wegen seiner Mitarbeit bei Dr. Rascher erneut verhaftet und ins ehemalige Konzentrationslager zurückbringt. Durch das entschlossene Eintreten eines jüdischen Mitgefangenen, dem Neff das Leben gerettet hat, wird er jedoch nach wenigen Tagen wieder freigelassen.
Neff bleibt in Dachau wohnen und beginnt damit, sich in der Stadt ein neues Leben aufzubauen. Er vermählt sich mit Ruth Margarete Brandau, zieht in die Hermann- Stockmann-Straße 47 und ist zunächst als Treuhänder des Obergrashofs, des Feinpappenwerks Schuster und der Deutschen Versuchsanstalt für Ernährung und Verpflegung tätig. Im Jahre 1948 holt ihn wieder die Vergangenheit ein. Wegen Beihilfe zum Mord in drei Fällen und wegen Beihilfe zur gefährlichen Körperverletzung, deren er sich als Mitarbeiter von Dr. Rascher schuldig gemacht haben soll, hat er sich vor der Großen Strafkammer des Landgerichts München 11 zu verantworten. Wieder versucht derselbe kriminelle Mithäftling, der Neff schon bei den Amerikanern und bei der Spruchkammer angeschwärzt hat, den Verhaßten zu Fall zu bringen. Doch die politischen Mitgefangenen treten vor dem Münchner Schwurgericht in beeindruckender Weise geschlossen für Neff ein. So verurteilt das Gericht den Angeklagten am 30. Dezember 1948 nur wegen Beihilfe zur Körperverletzung. Das Strafmaß, das der Mindeststrafe entspricht, beträgt einen Monat Gefängnis. Das Urteil aber enttäuscht die Mitgefangenen, die mit einem Freispruch gerechnet haben. Kritik an der Entscheidung des Gerichts schwingt auch in den Zeilen des Berichts mit, der am 31. Dezember 1948 in der »Abendzeitung« in München erscheint: »Walter Neff, dessen Fall symbolisch für viele stand, bekannte in seinem Schlußwort, er würde heute nicht anders handeln, käme er noch einmal in ein Konzentrationslager. Die Zuhörer, alles ehemalige Häftlinge aus dem Lager Dachau, klatschten ihm Beifall. Dann zündete der Saaldiener eine große Stallaterne an, denn in München herrschte um diese Abendstunde noch Stromsperre. Es war die Lampe des Diogenes, mit der sich die Richter in ihr Beratungszimmer zurückzogen, um den Zwiespalt zwischen Recht und Menschlichkeit zu lösen. Sie wählten einen Mittelweg und verurteilten Walter Neff wegen Beihilfe zur Körperverletzung zu der Mindeststrafe von einem Monat Gefängnis. Die Untersuchungshaft wurde ihm angerechnet, so daß er sofort auf freien Fuß gesetzt wurde. Das symbolische Urteil in dem tragischen Fall des Walter Neff hat niemand befriedigt.«
Nach dem Urteil macht Neff nur noch einmal mit seinem Buch »Arzt des Todes«, das im September 1949 auf den Markt kommt, auf sich aufmerksam. Dann wird es um den Mann still, der sich nie einer politischen Gruppe, auch im Lager nicht, angeschlossen hat. Seinen letzten Arbeitsplatz findet er in der Kleiderfabrik seines Freundes Georg Scherer, wo er bis zu seinem Tod als Verwalter im Warenlager tätig ist. Am 31. August 1960 stirbt er in einem Münchner Krankenhaus im Alter von nur 51 Jahren.
Dokumentation: Hans-Günter Richardi