Auf bloßen Verdacht kommt er ins Lager - KZ-Haft, Krieg und Gefangenschaft machen aus ihm einen politisch bewußten Menschen.
Anfang 1934 vermittelt das Arbeitsamt dem erwerbslosen Eugen Kessler eine Stelle in Bad Wiessee am Tegernsee. Dort arbeitet er zunächst als Malergehilfe und macht sich dann im Januar 1935 selbständig. Der Bruder seiner Verlobten zeigt ihm in München Flugblätter der verbotenen KPD gegen das NS-System, deren Inhalt er zustimmt. Aus pazifistischer Überzeugung erklärt sich Kessler bereit, sie in Bad Wiessee zu verteilen. Im September 1935 wird er eines Morgens um vier Uhr von der Bayerischen Politischen Polizei aus dem Haus geholt und ins Wittelsbacher-Palais gebracht. Die Verhaftung steht im Zusammenhang mit den Flugblättern. Doch die Polizei hat keine Beweise gegen ihn. Allein der Verdacht reicht aus, Kessler in »Schutzhaft« zu nehmen. Nach einigen Wochen Haft in der Polizeidirektion in der Ettstraße wird er ins Konzentrationslager Dachau eingeliefert.
Die Ankunft in Dachau bleibt Kessler besonders nachhaltig in Erinnerung. In seinem Transport sind auch drei jüdische Häftlinge: »Beim Empfang im Lager hat sich eine Meute von fünf SS-Leuten auf die drei Kameraden gestürzt und sie grausam mißhandelt, während ich allein unter der Dusche stand.« Auch später bleibt er von Schlimmerem verschont, denn er wird einem Malerkommando zugeteilt, das wegen seiner nicht so harten Arbeitsbedingungen bei den Häftlingen begehrt ist. Während der Haftzeit geht seine Verlobung auseinander, was ihn sehr trifft. Erst im März 1936 kommt seine Sache vor das Oberlandesgericht München, welches das »wegen Vorbereitung eines hochverräterischen Unternehmens« eingeleitete Verfahren einstellt, »weil sich ausreichende tatsächliche Schuldbeweise nicht ergeben haben«. Diese Entscheidung verschafft ihm aber nicht die Freiheit, sondern Kessler bleibt weiter in KZ-Haft. Um den Schein der Rechtsstaatlichkeit zu wahren, wird er während seiner Lagerzeit eigens ins Gefängnis Stadelheim übergeführt, wo er eine Haftstrafe von zwei Tagen wegen eines früheren Motorradunfalls ohne Führerschein zu verbüßen hat. Danach kommt er ins KZ zurück. Unter dem Kommandanten Heinrich Deubel erlebt Kessler im Lager eine noch relativ humane Zeit. Die Situation verschärft sich jedoch, als Hans Loritz im April 1936 die Lagerleitung übernimmt: Die Verpflegung, die vorher noch reichlich gewesen ist, wird drastisch gekürzt. Statt einem werden jetzt zwei Zählappelle pro Tag abgehalten. Und als Lagerstrafe wird erstmals das Pfahlhängen praktiziert. Auch Kessler muß diese Tortur einmal erleiden. Eines Tages geschieht das, woran er kaum noch geglaubt hat: Im Oktober 1937 wird er entlassen.
Nach der Haft steht er ohne Mittel da. Niemand will ihn als Maler einstellen, sobald bekannt wird, woher er kommt. Mit Bürste, Kübel und einer geliehenen Leiter beginnt er, »schwarz« zu arbeiten. Jeden zweiten Tag muß er sich bei der Polizei melden. Einmal überrascht ihn eine Polizeistreife beim Tünchen eines Büros. Doch sein Auftraggeber versichert, Kessler bekomme kein Geld von ihm, sondern arbeite nur seine Schulden ab. Nachdem sich Kessler mit behördlicher Genehmigung wieder selbständig gemacht hat, wird er im Herbst 1939, sofort nach Kriegsbeginn, zur Artillerie nach Augsburg eingezogen. Nach der Grundausbildung meldet er sich zu den Funkern, um dem Marschieren zu entgehen. Durch seine guten Kontakte zur Schreibstube gelingt es ihm, den Vermerk über seine KZ-Haft verschwinden zu lassen. Damit ist er ein Soldat wie jeder andere auch. Als Kradmelder kommt er nach Polen, darauf erlebt er den Einmarsch in die Sowjetunion: »Ich hab' gesehen, wie die Leute aus den Betten 'rausgeschossen wurden und nichts mehr gestanden ist von den Dörfern. Das war fürchterlich.« Damals entsteht in ihm die Absicht, zur Roten Armee überzulaufen. Aber seine Einheit ist zu weit von der vordersten Front entfernt. Um in die Heimat zurückzukommen, meldet er sich freiwillig zu einer neuen Heeressturmgeschützbrigade, die in Deutschland aufgestellt wird.
Ende 1943 werden alle, die länger als zwei Monate im Heimatdienst sind, wieder an die Front versetzt. Auch Kessler ist davon betroffen. Im Frühjahr 1945 entschließt er sich, mit drei Kameraden überzulaufen. Dabei treten zwei von ihnen auf Minen und werden gelötet. Kessler und der zweite Überlebende erreichen nach vier Tagen Fußmarsch eine sowjetische Stellung. Mit anderen deutschen Soldaten werden sie in ein Kriegsgefangenenlager bei Memel gebracht. Dort treffen sie mit deutschen Kommunisten zusammen, die als Angehörige des »Strafbataillons 999« in Gefangenschaft geraten sind. Der politische Schulungsleiter des Lagers macht auf Kessler großen Eindruck, weil er gebildet, offen und tolerant ist. Auf dessen Empfehlung kommt Eugen Kessler mit seinen kommunistischen Kameraden Willi Agatz und Karl Horn 1943 auf eine antifaschistische Schule der KPdSU. Dort wird ihm angeboten, in der sowjetischen Besatzungszone Direktor eines volkseigenen Betriebs zu werden. Doch Kessler lehnt ab. Er will lieber wieder zu seiner späteren Frau in die bayerische Heimat zurück.
Am 1. Januar 1949 ist Eugen Kessler endlich zu Hause. Er meldet sich bei der »Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes« (VVN), wo er Alfred Haag wiedertrifft, der ihm als Dachauer Häftling soviel Respekt abgenötigt hat (vgl. Porträt von Alfred Haag). Zum Broterwerb arbeitet er wieder als Maler. Einen eigenen Betrieb gründet er jedoch nicht mehr. Dafür setzt er sich um so intensiver für die »Lagergemeinschaft Dachau« ein, die vielfältige internationale Verbindungen knüpft. Ab 1975 ist er Vorsitzender dieser Organisation der ehemaligen Dachau-Häftlinge in der Bundesrepublik, 1990 gibt er altersbedingt den Vorsitz ab, wirkt als Ehrenvorsitzender jedoch weiter. Kessler versteht sich vor allem als Antifaschist, aber wenn ihn jemand als Kommunist beschimpft, so sieht er darin eine ehrenvolle Bezeichnung. »Wer hat sich denn am stärksten gegen den Faschismus gestellt?« betont er. Zu Beginn des Kalten Krieges und des Antikommunismus in der Bundesrepublik zieht er sich nicht resigniert zurück, sondern versucht, dagegen anzukämpfen. Selbst auf die Gefahr hin, wieder mit der Obrigkeit in Konflikt zu geraten.
Eugen Kesslers eigenes Lebensfazit lautet: Alle historischen Erinnerungen, auch die persönlichen, müssen mit der politischen Gegenwart verknüpft werden. Aus der Geschichte kann man nur lernen, wenn man eine direkte Beziehung zur Gegenwart herstellt. Er wird als parteiloser Widerstandskämpfer anerkannt und hat bei seinem Sachbearbeiter weniger Schwierigkeiten als manche kommunistischen Freunde, die durch ihre illegale Tätigkeit Nachteile bei der »Wiedergutmachung« bekommen. Sein Gesundheitsschaden, hervorgerufen durch eine schwere Nierenentzündung in Dachau, wird anerkannt. Die Arbeit in der »Lagergemeinschaft Dachau« hat Kessler freundschaftliche Kontakte zu Menschen in aller Welt gebracht. Das Gefühl des Zusammenhalts entschädigt ihn für das Desinteresse oder für die offene Mißachtung, die ihm hierzulande häufig entgegengebracht worden ist.
Dokumentation: Cornelia Stadler