»Andere haben dicke Memoiren geschrieben, was sie alles getan haben; ich habe geschrieben, was man mir getan hat«.
»Mein Elternhaus läßt sich als gutbürgerlich bezeichnen. Mein Vater war Inhaber eines kleinen Manufakturwarengeschäfts in Werl in Westfalen an der Bahnlinie von Dortmund nach Soest. Meine Eltern und deren Vorfahren waren seit Jahrhunderten in Deutschland lebende Juden. Während der bürgerkriegsähnlichen Unruhen 1919/ 20 war mein Vater bei der sogenannten Einwohnerwehr. Mit sechs Jahren kam ich auf die Volksschule und dann auf die Dortmunder Oberrealschule, wo ich 1927 das Abitur mit der Note ,gut' bestand. Ich war sehr gut in Mathematik und wollte Mathematik und Physik für den Lehrberuf studieren. Jedoch in jener Vor- Nazizeit war der Antisemitismus schon sehr fühlbar, und es war für Juden schwierig, in die Beamtenlaufbahn übernommen zu werden. Deshalb änderte ich mein Studium auf einen freien Beruf hin, machte die Abschlußprüfung als Diplom-Volkswirt und Versicherungsmathematiker. Alle Semester studierte ich an der Münchner Universität. Im Dezember 1933 promovierte ich bei Geheimrat von Zwiedineck- Südenhorst mit der Note ,cum laude' als vielleicht einer der letzten Juden im Dritten Reich. Die »Schweizer Lebensversicherung« in Stuttgart suchte einen Versicherungsmathematiker. Ich wurde vorstellig. Am nächsten Tag sagte mir der Direktor, es tue ihm leid, mich abweisen zu müssen. Die NS-Arbeitsfront habe ihm erklärt, wenn er einen Juden einstelle, würden sie seine Gesellschaft in ganz Bayern und Württemberg boykottieren. Der Mann, ein Schweizer, war wütend und machtlos. 1935 verließ ich München. So gut, wie es unter den Umständen der allgemeinen Judenverfolgung möglich war, verbrachte ich die folgende Zeit ohne Beruf und Verdienst im Elternhaus.« An die Gründung einer Familie, die sich Feldheim gewünscht hatte, war in dieser Situation nicht zu denken.
»In den Jahren 1933/34 besuchte ich in München des öfteren die Buchhandlung Steinicke in Schwabing, Adalbertstraße 15. Der Inhaber, als ,Papa Steinicke' bekannt, war Gegner der Nazis. In einem Zimmer hinter der Buchhandlung trafen sich abends Hitler-Gegner aus verschiedenen politischen Parteien: Sozialdemokraten, Kommunisten, Zentrumsleute und Angehörige der Bayerischen Volkspartei. Wir diskutierten halbe Nächte. Alle rechneten mit einer zeitlich begrenzten Diktatur und hofften, man könne Hitler noch aus dem Sattel heben. Am 2. August 1934 starb Reichspräsident Paul von Hindenburg, und Hitler ließ anschließend das Amt des Reichspräsidenten mit dem des Reichskanzlers vereinigen. Zwei Leute bei Steinicke fragten mich, ob ich ein Flugblatt zur Volksabstimmung vom 19. August schreiben und tippen könne. Ich willigte ein, tippte das Flugblatt und übergab es einem der beiden in einer Straße in Bogenhausen. Dann verschwand der Vorfall aus meinem Gedächtnis.« Den 26. Juni 1936 betrachtet Feldheim als den größten Einschnitt in seinem Leben: »Gegen Mitternacht erschienen in meinem Elternhaus zwei Gestapo-Beamte und verhafteten mich. Einige Tage verbrachte ich im Polizeigefängnis in Werl und in der berüchtigten Steinwache in Dortmund. Dann wurde ich im Schubwagen der Bahn über Kassel, Hanau und Nürnberg in das Wittelsbacher-Palais, das damalige Gestapo- Gefängnis in München, überstellt. Erst dort erfuhr ich bei den Verhören den Grund meiner Verhaftung. Der Vorwurf lautete: Vorbereitung zum Hochverrat. Die politische Polizei hatte von jenem Flugblatt Kenntnis bekommen und brachte mich damit in Verbindung. Einer meiner damaligen Auftraggeber war verhaftet worden. Bei ihm wurde mein Name entdeckt.« Monatelang wehrte sich Feldheim gegen die Anschuldigung. Die Polizei fand zwar keine Beweise für die Tat, dennoch erging am 7. Oktober 1936 ein Schutzhaftbefehl gegen ihn. Im Gedächtnis blieben ihm daraus die Worte: »... und da er mit echt jüdischer Frechheit leugnet, ist er zum Schutz von Volk und Staat in Schutzhaft zu nehmen.«
»Nach Eröffnung des Schutzhaftbefehls kam ich noch am selben Tag nach Dachau. Es waren ca. 3000 Gefangene im Lager. darunter etwa 50 Juden. In meiner Baracke war auch der mutige Berliner Rechtsanwalt Hans Litten, der es vor 1933 gewagt hatte, Hitler persönlich vom Gericht in Moabit zum Terror der SA befragen zu lassen. Am Tag nach meiner Ankunft in Dachau wurde ich zur Arbeit in der berüchtigten Kiesgrube eingeteilt. Der erste Häftling, der mir den Kies in den Karren schaufelte, war Heinrich Jasper, Ministerpräsident von Braunschweig während der Weimarer Republik, Mitglied der SPD. Als Neuzugang mit der bleichen Gesichtsfarbe der Gefängniszelle fiel ich sofort den SS-Posten auf und wurde ein Opfer ihres Sadismus. Ich weiß nicht, wie viele Kniebeugen ich in diesen ersten Tagen machen mußte, wie oft die Mündung eines Gewehrs an meiner Stirn war. Die Mithäftlinge hatten mich schon abgeschrieben und rechneten mit meinem Tod.« Das Ausrücken der SS zu einem zweiwöchigen Manöver rettete Feldheim das Leben. Aber auch danach galt: »In Dachau war man nie seines Lebens sicher, weder bei Tag noch bei Nacht.« Nachdem Feldheim bei neuen Verhören in München weiterhin kein Geständnis abgelegt hatte, kam er am 17. Juli 1937 zurück nach Dachau, und zwar in den Bunker, wo er, abgesehen von kurzen Überstellungen nach München, 14 Monate in Einzelhaft verbringen mußte. Seine Zelle maß fünfeinhalb Schritte in der Diagonalen, und das Licht erlaubte gerade, zwischen Tag und Nacht zu unterscheiden. »Es war seelisch eine sehr schwierige Zeit. Ich wundere mich heute, wie ich die Monate durchhalten konnte. Eine kleine Abwechslung in der Eintönigkeit bildete das Klopfen an der Wand zum Zellennachbarn. Ich machte auch Versuche, meinen Verstand und die geistigen Kapazitäten zu trainieren, indem ich im Kopf komplizierte mathematische Probleme löste.«
Am 2. August 1938 fand vor dem Münchner Oberlandesgericht der Prozeß gegen Feldheim wegen Vorbereitung zum Hochverrat statt. In der Verhandlung konnte ihm lediglich nachgewiesen werden, daß ihn jemand gefragt hatte, ob er ein Flugblatt schreiben würde. Zu seinem Glück lag dem Gericht als Beweismittel ein Flugblatt vor, das Feldheim nicht verfaßt hatte. Das wurde auch von einem Sachverständigen wegen zahlreicher Fehler festgestellt. Der Staatsanwalt beantragte wegen unterlassener Anzeige ein Jahr Gefängnis, das Gericht sprach ihn aber frei. »Hätte ich das Jahr bekommen, hätte ich vor Kriegsausbruch nicht mehr auswandern können und wäre sehr wahrscheinlich in Auschwitz vergast worden. Am Samstag, dem 6. August, kam ich wieder nach Dachau in den Bunker. Die Gestapo kümmerte sich nicht um Recht und Gericht. « Am 27. September 1938 wurden alle jüdischen Häftlinge aus Dachau nach Buchenwald verlegt. Feldheim war unter ihnen. Dort blieb ihm eine weitere Bunkerhaft erspart, doch die ständige Lebensgefahr bestand weiter, und er mußte immer wieder furchtbare Graumsamkeiten mit ansehen. In Buchenwald wurde er Zeuge, daß die Pogrome der sogenannten Reichskristallnacht nicht spontan stattfanden, sondern von langer Hand geplant waren. Bereits zwei Wochen vorher wurde nämlich im Lager mit dem Bau von fünf Notbaracken begonnen, in die dann die SS etwa 10.000 Juden unter unbeschreiblichen Bedingungen pferchte. Kein Häftling kannte den Tag seiner Entlassung. Auch für Feldheim kam er überraschend. »Im April 1939 wurde ich durch Lautsprecher zum Tor gerufen, wo mir meine Entlassung mitgeteilt wurde. Natürlich unterschrieb ich wie jeder Entlassene, daß ich mit niemandem über das Lager und über meine Haftzeit reden würde.«
Zu Hause angekommen, war Feldheim sofort wieder mit dem nationalsozialistischen Terror konfrontiert: »Im Elternhaus begegnete ich den Folgen des Novemberpogroms. Das Geschäft meines Vaters war völlig demoliert, die Schaufenster waren mit Holzbrettern verschalt, und Nazis saßen im Haus.« Von seiner Familie traf er nur noch die beiden Schwestern des Vaters an. Dieser war im Januar 1939 nach England emigriert. Er folgte seiner Tochter nach Manchester, wohin sie als Dienstmädchen kurz nach Feldheims Verhaftung gegangen war. »Meine Mutter ist die einzige der Familie, die ihr Grab noch in Deutschland hat. Sie starb zwei Jahre vor der ,Machtergreifung'. Das Grab meines Vaters ist in Manchester. Meine beiden Tanten wurden 1940 deportiert und in Auschwitz vergast. « Feldheim entschloß sich, Deutschland den Rücken zu kehren. Durch Hilfe seiner Schwester erhielt er das Einwanderungsvisum nach England. »Am 22. Juni 1939 verließ ich das Elternhaus. Die beiden Tanten sah ich nie wieder. Über Holland reiste ich nach London.«
Als Hitler am 1. September 1939 den Zweiten Weltkrieg entfesselte, meldete sich Feldheim freiwillig zur britischen Armee. »Ich tat dies aus Verpflichtung gegenüber meinen ehemaligen Mithäftlingen. In Buchenwald hatten wir oft darüber gesprochen, daß Hitler den Krieg wolle. Viele Male gelobten wir uns, wer noch vor dem Krieg entlassen werde, müsse in den Reihen der Alliierten gegen das Nazisystem kämpfen. Ich war an mehreren Orten in England und in Schottland stationiert. An die Front wurde ich nicht gesandt, weil mich die Briten nicht der Gefahr aussetzen wollten, in deutsche Gefangenschaft zu geraten. Auf die Bitte von Offizieren hielt ich Vorträge und berichtete den Soldaten von Dachau und Buchenwald. In Tageszeitungen schrieb ich mehrere Artikel über Himmler und einen offenen Brief an Rudolf Hess, der am 10. Mai 1941 aus bisher unbekannten Gründen nach Schottland geflogen und dort in Haft gekommen war. Im Rückblick gehören die Jahre im britischen Heer zu der glücklichsten Zeit meines Lebens. In Deutschland war ich für wehrunwürdig erklärt worden und galt als ein Mensch zweiter Klasse; in England dagegen war ich völlig gleichberechtigt und mit den Rechten und Pflichten eines jeden anderen Soldaten ausgestattet.« Nach Kriegsende absolvierte Feldheim eine pädagogische Zusatzausbildung und wurde Lehrer an einem »Technical College« in London. »Mein berufliches Leben begann mit 40 Jahren. «
»1966 wurde mir vom Direktor des Oskar- von - Miller- Polytechnikums in München die Planstelle eines Dozenten für Mathematik angeboten, die ich annahm. Bei meiner Rückkehr aus der Emigration nach München stand Oberbürgermeister Dr. Hans-Jochen Vogel Pate, der sich um die sogenannte moralische Wiedergutmachung besonders verdient gemacht hat.« Mit Umwandlung des Polytechnikums in eine Fachhochschule im Jahre 1971 wurde Feldheim Professor. 1973 trat er in den Ruhestand. »Durch meinen Werdegang gehöre ich heute zu zwei Ländern: Kulturell und durch Erziehung bin ich deutsch, politisch und seelisch wurde mir England zur Heimat. Ich lebe in Deutschland im Sinne von Hans Habe, der in seinem Roman ,llona' sagt, daß man sein Geburtsland liebt nicht wegen seiner Menschen, sondern trotz seiner Menschen. Die seelischen Folgen der Lagerhaft bleiben lebenslang und sind unter anderem durch Untersuchungen des Max-Planck- Instituts nachgewiesen. Ein gewisses Maß an Mißtrauen gegenüber Deutschen der älteren Jahrgänge kann nicht überwunden werden. Die Opfer sind sensibler und weniger vergeßlich als die Peiniger.«
Feldheim schließt seine Lebensbeschreibung mit folgenden Bemerkungen: »Seit meiner Verhaftung bin ich mehr und mehr Fatalist geworden. Ich habe an das Fatum glauben gelernt, an mein gutes Schicksal, an meinen guten Stern, weil mein nacktes Leben sehr oft durch Umstände gerettet wurde, auf die ich keinen Einfluß hatte. Mit diesem Fatalismus lebe ich auch noch heute. Deshalb ändere ich meinen Lebensrhythmus nie vorsätzlich. Vor dem Gesetz bin ich Jude, meine Vorfahren waren Juden, doch habe ich seit dem Elternhaus viel mehr Beziehung zum Christentum als zum jüdischen Glauben. Der einzige Grund, warum ich für mich die Taufe ablehne, ist der Antisemitismus. Meine Umwelt soll wissen, daß sie einem Juden begegnet.«
Dokumentation: Heinz Dietrich Feldheim und Jürgen Müller-Hohagen