Joachim Paech
Der Einzelne und sein Attentat
Der Hitler-Attentäter Johann Georg Elser
Am 8.November 1939 verübte der württembergische Handwerker Johann Georg Elser ein Bombenattentat im Münchner Bürgerbräukeller auf Adolf Hitler, der knapp dem Anschlag entging.
In dieser Form einer Nachricht läßt sich das so bezeichnete Ereignis als Eintrag in die Geschichte lesen. Ein Diskurs artikuliert ein Geschehen im Text der Geschichte (Stierle1), wo ihm der Sinn zugewiesen wird, der es an dieser Stelle verstehbar macht. Da es Ereignisse nur in Form ihrer Wiederholung2 und Anordnung im Diskurs des Geschehens gibt, sind sie konstitutiv mit dem Horizont von Sinn verbunden, der sie als Ereignis überhaupt erst verständlich macht. Reine Ereignisse sind absurd, nicht weil sie keinen Sinn haben, sondern weil sie ihn ihrem Verständnis nicht preisgeben – und genau darin liegt der Sinn ihrer Absurdität. Georg Elsers Tat ist alles andere als absurd. Aber als Ereignis ist sie unterschiedlich verstanden worden, weil die Artikulation des Ereignisses als Geschehen jeweils vor unterschiedlichen Sinnhorizonten stattgefunden hat und noch immer stattfindet. Die Ursache dafür liegt u.a. in der spezifischen Unabgeschlossenheit des zugrunde liegenden Ereignisses selbst an der historischen Stelle seines Geschehens. Das unterscheidet es von anderen vergleichbaren Ereignissen, die immer schon in einem Geschehen aufgehoben sind, das den Rahmen für ihre Bedeutung abgibt (Stauffenberg-Kreis oder Weiße Rose) und den beteiligten bestimmte Rollen zuweist. Helden, Märtyrer, Rebellen oder Heilige sind Rollenzuweisungen in einem kontextuell definierten Geschehen mit stabilem Sinnhorizont, der wiederum für die (relative) Abgeschlossenheit des zugrunde liegenden Ereignisses sorgt, das 'Geschichte' geworden ist.
Die historische Hermeneutik des Geschehens im Bürgerbräukeller am 8.November 1939 kann nicht von einem Kontext ausgehen (einer Verschwörung z.B.), sondern ist auf das Ereignis selbst verwiesen, das sie gerade deshalb grundsätzlich verfehlt, weil sie es erst als dessen Wiederholung konstituiert, indem sie es in einem Geschehen diskursiv (oder narrativ) situiert oder anordnet. Es gibt also kein Ereignis außerhalb des Geschehens, das es an seiner Stelle diskursiv konstituiert (s. dagegen Foucault: Das 'Außen' denken3) und das als Bezugspunkt erreichbar wäre, um es als Geschehen neu in die Geschichte einzutragen, z.B. in der Kritik an der Geschichtsschreibung des Ereignisses, das sich ständig entzieht und gerade deshalb nach seinen diskursiven Supplementen für das Geschehen verlangt.
Das folgende Beispiel könnte das deutlicher machen: Zwei Fotografien, die im Zusammenhang mit dem Widerstand gegen Hitler immer wieder auftauchen, erzählen von einem Geschehen, ohne daß sie das Ereignis, um das es geht, nämlich die Explosion der Bombe, das Attentat also, zeigen können. Das erste Foto handelt von einem Ritual, das zweite Foto von einer Zerstörung, beide zusammen beschreiben die Unterbrechung des Rituals durch eine Zerstörung.

Beide Fotografien machen in der zeitlichen Abfolge ihres Entstehens eine Aussage über einen Zeitraum, in dem das Ereignis situiert ist, das beide in Beziehung setzt. Sie beschreiben nicht mehr, was passiert ist, sondern sie sagen es, indem sie den leeren Zwischenraum diskursivieren: Eine Explosion hat die Veränderung vom Zustand der ersten zum Zustand der zweiten Abbildung herbeigeführt. Der Kern dieser Veränderung ist das unhintergehbare Ereignis, die Explosion. Man kann sich übrigens das Ereignis sehr wohl nicht- diskursiv als fotografischen Akt vorstellen, indem das Blitzlicht der Explosion die Szene beleuchtet, die es zugleich herstellt - wie bei einer Fotografie (dieser fotografische Aspekt des Ereignishaften ist im Zusammenhang mit dem Atomblitz der Bombe von Hiroshima bewußt geworden).
Alle Erzählungen des Geschehens gehen von diesem Ereignis aus, dessen Unvorhersehbarkeit erfordert, einen Kontext dafür herzustellen, der dem Geschehen einen Sinn zuweist. Wäre Hitler getötet worden, hätte sich der Sinn des Ereignisses in der Tat selbst erfüllt. Aber die Szene ist leer, die beiden Protagonisten, der Attentäter und sein verfehltes Opfer fehlen darin. Es ist diese Leere der Szene, die von dem Ereignis der Explosion beleuchtet wird, die das Unabgeschlossene des Geschehens verursacht. Wenn sie darauf mit Toten und Verwundeten, den tatsächlichen Opfern des Anschlags, besetzt wird, dann bereits in Diskursen unter bestimmten Absichten, in denen die Opfer eine Rolle spielen (wie in den anschließend veröffentlichten Wochenschauen). Nicht ihre Anwesenheit, sondern die Abwesenheit Hitlers und des Attentäters hat Folgen, hier nistet sich das Imaginäre eines Geschehens ein, das über den unbesetzten Ereignisraum verfügt. D.h. die Szene wird zur Bühne, auf der unterschiedliche Stücke aufgeführt werden, die genau das als Möglichkeit supplementieren, was das Ereignis selbst in unterschiedlichen Perspektiven als nicht verwirklicht und nur als diskursive Wiederholung in den entsprechenden Diskursen 'enthält'. Das Supplement reicht bis zur Revision des Ereignisses selbst, davon ist am Schluß kurz die Rede.
Die unterschiedlichen (Re-) Konstruktionen4 des Ereignisses und seiner Mitwirkenden in ihren Rollen kann man nach vier Epochen unterteilen: 1. Die Zeit unmittelbar nach dem Attentat; 2. Die Zeit nach dem Krieg bis Anfang der 60er Jahre; 3. Die 60er und 70er Jahre; 4. Die 80er und 90er Jahre.
Unmittelbar nach dem Attentatsversuch spielen drei Elemente eine wesentliche Rolle: Hitler war in der Szene der Zerstörung abwesend und dadurch vor dem Anschlag gerettet worden. Allein die Antwort auf die Frage, ob er zufällig abwesend war oder den Saal vorzeitig verließ, weil er von der Explosion wußte, wird die Darstellung des Geschehens wesentlich beeinflussen. Auch der Attentäter war abwesend, die Bombe war mit einem Zeitzünder zur Explosion gebracht worden. Acht Tote und über sechzig Verletzte bleiben auf der Szene der Zerstörung zurück. Diese Szene wird auch visuell stark betont und propagandistisch verwertet, die Opfer des Anschlags spielen aber für die Konstruktion des Ereignisses nur eine nebensächliche Rolle, d.h. sie haben die Szene zu füllen, während der Diskurs sich in anderer Richtung formiert. Das Ereignis wird nach drei Monaten Krieg in Polen von den Nazis unmittelbar mit dem nächsten Kriegsziel in Verbindung gebracht, dem Westfeldzug, einschließlich der Eroberung Englands. Zu diesem Zweck werden zwei englische Agenten aus den Niederlanden entführt und als Zeugen für Englands Verantwortung für das Attentat im KZ Sachsenhausen, später Dachau aufbewahrt. Sie verkörpern die propagandistische Fassung des Geschehens, wonach Elser als 'agent provocateur' im Auftrag und unter Anleitung der Engländer gehandelt hat. Der Feldzug gegen England sollte auch als Antwort auf den englischen Versuch, den Führer zu töten, verstanden werden. Auch der Bombenleger Georg Elser, der noch vor der Explosion beim Grenzübertritt von Konstanz in die Schweiz verhaftet worden ist, wird bis 1945 zu einem dann beabsichtigten Schauprozeß nach dem Endsieg in Sachsenhausen und Dachau eingesperrt und für seine Rolle als Kronzeuge gegen England aufgehoben und erst am 9.April 1945 ermordet und spurlos beseitigt, als an Endsieg und Schauprozeß nicht mehr zu denken ist.
Zu dieser Darstellung der Nazis gibt es eine komplementäre Version in den unterschiedlichen Kreisen des Widerstands. Nur werden diesmal die Nazis zu Auftraggebern gemacht, die angeblich einen 'agent provocateur' benötigten, der mit seinem Anschlag einen offenbar unverwundbaren, vom Schicksal begünstigten Führer verfehlt. Die Opfer des Anschlags werden benötigt, um von den Nazis für die Staatsrepräsentation in Nekrologen gefeiert und für die Emotionalisierung der Feindschaft gegen den Kriegsgegner England benutzt werden zu können. Beide Diskurse einer komplementären Konstruktion des Ereignisses setzen die Abwesenheit sowohl von Hitler als auch von Elser beim Ereignis selbst voraus: Für die Nazis ist es die Fügung des Schicksals, die dafür gesorgt hat, daß Hitler 13 Minuten vor der Explosion den Bürgerbräukeller verlassen hat, während ein Mann wie Elser alleine ohne professionelle Unterstützung aus England unfähig gewesen sei, eine so komplizierte Bombe zu bauen und mit einem Zeitzünder zur Explosion zu bringen. Für den Widerstand ist klar, daß die Nazis selbst die professionelle Hilfe gewährt haben und Hitler den Ort der Handlung verlassen hat, weil er wußte, daß wenig später eine Bombe explodieren würde. Daß Elser als Einzelner gehandelt haben könnte, der die komplizierten Vorbereitungen für das Attentat ohne fremde Hilfe (der Engländer resp. der Nazis) durchgeführt hat und die indidividuelle Verantwortung für seine Tat übernommen hat, war nicht nur hier wie dort unerwünscht, sondern wohl auch nicht vorstellbar. Hinzukommt, daß die Naziherrschaft und die Kriegsumstände die Version vom 'agent provocateur' begünstigt haben, denn es gab kaum Möglichkeiten, das Geschehen anders zu sehen und die Szene des Ereignisses anders zu besetzen. Der Einzelne und sein Attentat, eigentlich eine Episode aus dem spanischen Anarchismus, ist im Deutschland der Nazis ein Ding der Unmöglichkeit.
Die offizielle Version der Nazis während des Krieges wurde zur inoffiziellen nach dem Krieg, während die Version des Widerstands sich nach dem Krieg aus vielen Quellen nährte und Elser noch während der gesamten Adenauer-Epoche zum Handlanger der Nazis machte.
Derselbe Umstand einer 'eingeschlossenen' Gesellschaft hat auch die Gerüchte, die von der Seite des Widerstands, etwa von Martin Niemöller nach dem Krieg in Umlauf gehalten wurden, begünstigt. Die Informationen aus den KZs über Elser, die ihn als Staatsgast der Nazis im KZ beschreiben, waren zunächst kaum nachprüfbar, außerdem bestand in den ersten Nachkriegsjahren auch wenig Interesse daran. Das hierarchische, autoritäre Staatsdenken unter Adenauer hat sehr wohl für den Konsens, nicht aber für den Widerstand Einzelner Verständnis gehabt. Widerstand ist nur als Konsens staatstragend und daher im Sinne historischer Legitimation Nachkriegsdeutschlands mit einigen wenigen Gruppen (Stauffenberg-Gruppe und Weiße Rose, hier wurden die Nazi-Vergangenheit der Geschwister Scholl und die Motivation zum Widerstand aus persönlicher Kränkung bewußt verschwiegen) besetzt worden, die in die herrschende Vorstellung von der Gesellschaft und deren Verhältnis zum Staat und in das offizielle Bild der Vergangenheit und der Art ihrer 'Bewältigung' eingepaßt werden konnten. Ein Einzelner, der hingeht, um Hitler zu töten, paßte auch dann nicht in das Bild von Geschichte, wenn man sich klarmachte, daß der erfolgreiche Anschlag auf die Nazi- Führung womöglich den Krieg verhindert und 50 Millionen Menschen, darunter 6 Millionen Juden das Leben hätte retten können.
Mit Elser hätte die Pflicht zum Widerstand anerkannt werden müssen, weil an seinem Beispiel die immer wieder geleugnete tatsächliche Möglichkeit zum aktiven Widerstand gegen das Terrorregime der Nazis und deren Kriegsabsichten erkennbar geworden wäre. Elser wäre das zeitgeschichtliche Argument gegen die behauptete Ohnmacht vor der Gewalt des Terrors gewesen, die bei der Rehabilitation der Deutschen nach dem Krieg eine wichtige Rolle spielte. Zugleich hätte damit das allgemeine Widerstandsrecht, das in Art. 20 Abs. 4 GG zugesichert ist, politisch und kulturell auch für den demokratischen Staat gewollt werden müssen, nachdem es als Pflicht in der Tyrannei bestätigt wurde. Das Kriterium für das Recht zum Widerstand, das sich Georg Elser in rechtloser Zeit genommen hat, wäre die individuelle Verantwortung des Einzelnen für die Verhinderung der Verbrechen gewesen, die im Namen aller Deutschen von den Nazis begangen wurden. Sollte auch künftig jeder sich das Recht nehmen können, auch außerhalb des demokratischen Konsens und der demokratischen Spielregeln als Einzelner gegen den Staat Widerstand zu leisten?5 Eine Frage, die Mitte der 70er Jahre durch die Aktionen der RAF aktuell wurde (eine andere Situation war immer schon in und gegenüber der DDR gegeben, hier ist ausdrücklich der Widerstand gegen den Staatssozialismus und den Stasi-Staat vom Westen legitimiert und mit lockenden Bildern einer gesellschaftlichen Alternative im Westen gefördert worden). Kurz, in Westdeutschland war es für die restaurative Adenauer-Epoche opportun, Elser zusammen mit den Nazis als Vergangenheit zu bewältigen und zu entsorgen. Die Voraussetzung dafür war, daß er weder Held, noch Märtyrer, Rebell oder Heiliger wurde, sondern in der Unbestimmheit des Ereignisses 'Attentat auf Hitler' verschwinden und vergessen werden konnte. An die Stelle der (propagandistischen, rechtfertigenden, etc.) Diskurse treten Mythen, die von vornherein Geschichte nur als Wiederholung erfahren lassen und in denen Ereignisse immer schon ihren Platz haben, wo sie unveränderlich situiert sind. Es sind dann nicht mehr Ereignisse, die sich ihren Kontext schaffen müssen, damit es sie gibt, es sind die mythischen Kontexte, die allererst die Ereignisse ihrer Erzählungen anordnen und an ihrer Stelle konstruieren. Die Filmgeschichte der Nachkriegszeit kennt eine Reihe von Beispielen derartiger mythisierenden Bewältigungen der Vergangenheit.
In den 60er Jahren geht die Nachkriegszeit zu Ende, das Verhältnis zur Vergangenheit und zur gesellschaftlichen Gegenwart verändert sich deutlich. Das, was die Adenauer- Zeit verhindern wollte, die Diskussion um eine Ethik des Widerstands, breitet sich aus und wird praktisch. Diese neue Rechtfertigung des Widerstands, die sich auf globale Wahrnehmungen von Konflikten, vor allem den Vietnam-Krieg der USA, aber auch ökologische Probleme unbedenklicher kapitalistischer Ausbeutung der natürlichen Ressourcen dieser Erde bezieht, hat seine Vorbilder auch bei denen gesucht, die Opfer ihres ethisch (als Pflicht ) begründeten Widerstands gegen die Naziherrschaft wurden. Widerstand wird aus der Staatsräson herausgelöst und mit dem Verständnis eines demokratischen Staates neu verbunden bzw. als Kampf um den demokratischen Staat und die Interessen seiner je einzelnen Mitglieder verstanden. Die akademische Frage um Naturrecht und Widerstand (seit Kant) drohte praktisch zu werden.
1969 sind die (Anfang der 60er Jahre wiedergefundenen) Protokolle der Verhöre Elsers durch die Gestapo erstmals vollständig von Anton Hoch veröffentlicht worden. Sie belegen eindrucksvoll, daß Elser das Attentat alleine für sich beschlossen und durchgeführt hat. Noch im gleichen Jahr verarbeitet Hans Gottschalk, damals Leiter der Fernsehspielabteilung beim SDR in Stuttgart, die Verhörprotokolle zu einem Fernsehspiel, das unter der Regie von Rainer Erler (Der Attentäter, 1969) zum dreißigsten Jahrestag des Attentats realisiert und mit dem deutschen Fernsehpreis (Grimme-Preis) ausgezeichnet wird. Thematisch und dramaturgisch steht das Fernsehspiel zum einen im Zusammenhang mit dem in den 60er Jahren virulenten 'dokumentarischen Theater' von Rolf Hochhuth und Peter Weiss (Die Ermittlung, 1965), Hans Magnus Enzensberger (Das Verhör von Habana, 1970) oder Heiner Kipphardt (In der Sache J.R.Oppenheimer, 1964). Hier wurde authentisches Material aus Verhören und Gerichtsverhandlungen mit oft kargen Mitteln auf der Bühne vorgetragen. Parallel dazu hat sich das Fernsehspiel der NS-Vergangenheit zugewandt, angeregt sicherlich durch den Eichmann-Prozeß in Jerusalem und den Frankfurter Auschwitzprozeß. Die Anfrage 1962 von Christian Geißler behandelt bisher vertuschte Verbrechen während der Nazi-Zeit, Ein Tag (1965) von Gunter R. Lys versucht, den Tagesablauf in einem KZ 1939 zu rekonstruieren und stellt ihn dem Alltagsleben der Deutschen gegenüber, die unberührt davon bleiben, was mitten unter ihnen geschieht. Der Widerstand im 'Dritten Reich' wird von Fernsehspielen thematisiert wie Heiner Kipphardts Die Geschichte des Joel Brandt (1964) oder auch Der 21. Juli (1972) von Claus Hubalek. In dieser Reihe steht auch Der Attentäter (1969) von Hans Gottschalk und Rainer Erler6. Der Film beginnt mit dem Transport Elsers nach Berlin zum Verhör bei der Gestapo und folgt dann minutiös der protokollierten Darstellung Elsers von seinem Entschluß zum Attentat und dessen Begründung, er habe bessere Lebensbedingungen für die Arbeiter schaffen und den drohenden Krieg verhindern wollen, bis zu seiner Festnahme an der deutsch-schweizer Grenze in Konstanz. Verhör und Protokoll wechseln sich mit der szenischen Darstellung des Protokollierten ab. Der Film ist außerordentlich um Authentizität des Dargestellten auf der Basis des dokumentierten Verhörprotokolls bemüht. Es gelingt ihm, die Einsamkeit des 'Einzelnen und seines Attentats' glaubhaft zu machen, sowie die obsessive Sturheit, mit der Elser an seinem Vorhaben festhält und es unter der ständigen Gefahr entdeckt zu werden und unter körperlichen Leiden durchführt. Das dokumentarische Fernsehspiel verlangt, daß das 'Dokument', das Protokoll der Aussage Elsers vor der Gestapo, zugrunde gelegt wird, was notwendig macht, daß das Geschehen selbst aus der Rekonstruktion, im Nachhinein also und bereits unter den Augen der Nazis, erzählt wird. Die Konzentration auf Elser schließt alle anderen Figuren, vor allem Hitler, aus der Szene des Attentats aus; die Explosion erwartet Elser bei der Radioübertragung der Hitler-Rede in der Konstanzer Zollstube, wo er zunächst gefangen gehalten wurde.

Hier erfährt er auch, daß sein Attentat mißglückt ist. Das Problem des Films ist, daß er in der Fokussierung auf Elsers Perspektive auch kaum den aktuellen sozialen und politischen Kontext vermitteln kann, den Elser (laut Verhörprotokoll) kaum noch wahrgenommen hat. So können wir am Ende vielleicht Elsers Bombe nachbauen, deren Entwicklung und Konstruktion uns detailliert, nicht zuletzt als Nachweis dafür, daß Elser alleine für das Attentat verantwortlich sein konnte, vorgeführt wurde, von den Verhältnissen, die den Widerstand bis hin zum Attentat ethisch rechtfertigt, sehen wir wenig, auch das Verhör durch die Gestapo dient eher als Stichwortgeber für Elser denn als bedrohlicher Hintergrund für Elsers Tat.
Diametral entgegengesetzt verfährt das Theaterstück von Peter Paul Zahl: Johann Georg Elser. Ein deutsches Drama7, das in den 70er Jahren geschrieben und 1982 veröffentlicht wurde. Es thematisiert nicht den Widerstand, indem es ihn auf der Bühne in Verhören oder Gerichtsverhandlungen dokumentiert, vielmehr spiegelt es das veränderte Verhältnis zum Staat und zum Widerstand unmittelbar wider, sowohl in der Person des Autors als auch im Thema und der Art, wie das Ereignis des Attentats als dramatisches Geschehen auf der Bühne entfaltet wird. Peter Paul Zahl war selber Protagonist einer sich herausbildenden Widerstandskultur in Westdeutschland Ende der 60er und in den 70er Jahren, deren Höhepunkt die RAF gewesen ist, der Zahl nahestand. Seit 1972 war er wegen Widerstands gegen die Staatsgewalt mit Körperverletzung unter der Anklage des Mordversuchs zu 15 Jahren Haft verurteilt worden mit der Begründung für das Urteil, daß "Zahl ein Gegner des Staates ist und zur allgemeinen Abschreckung." Elser wird in dem Theaterstück zum Argument für den eigenen Anspruch auf Widerstand in der Gegenwart der westdeutschen Bundesrepublik. Es ist klar, daß jetzt die bisher von der Szene abwesenden Protagonisten des Ereignisses selber die Bühne betreten und alle anderen Mitspieler bis auf eine Gruppe untätiger Widerständler aus dem Umkreis der Wehrmacht von der Bühne verdrängen. Das Ereignis selbst, die Explosion der Bombe, das Attentat rückt in den Hintergrund der Handlung als Nachricht über das Mißlingen. Statt dessen stilisiert Peter Paul Zahl die Ereignisse zum Zweikampf des Einzelnen (hier kann es auch heißen 'des Einzigen'), dessen Eigentum allein seine persönliche Verantwortung für die Geschichte ist, mit dem anderen, der dabei ist, Geschichte in einem mörderischen Krieg zu machen und daran gehindert werden muß, wenn die Katastrophe vermieden werden soll. Dieser Zweikampf zwischen zwei eigentlich 'kleinen Männern', von denen der eine die absolute Macht über Leben und Tod seiner Zeitgenossen hat und der andere die personifizierte Ohnmacht ist, aus der heraus erst das –beinahe- gelingen kann, was Elser unternimmt, wird in genauer Parallelführung aufgebaut, ohne daß sich die beiden Sphären jemals berühren, einmal sehen wir Hitler beim Planen des Krieges, dann Elser beim Planen des Attentats, das wiederum durch Hitlers forcierte Kriegsplanung zunehmend legitimiert und dringlich wird. Diese Parallelmontage der Aktionen auf beiden Seiten wird bis zur Simultaneität und unmittelbaren Verschachtelung beider Szenen fortgesetzt, indem sich Peter Paul Zahl des historisch ungleichzeitigen Bild-Mediums Fernsehen bedient. Zu Hause bei Elsers Eltern läuft im Hintergrund der Fernseher, wo Hitler seine Kriegsziele im Westen verkündet, auf der Straße stehen die Menschen vor Monitorwänden, auf denen Hitler gestikulierend redet und während Elsers Verhaftung wird Hitlers Rede im Bürgerbräukeller in die Stuben übertragen, an denen er in Richtung schweizer Grenze vorbeigeht. Symbolisch, könnte man sagen, wird zwischen beiden Seiten die Bombe installiert, die Hitler für und Elser gegen den Krieg explodieren lassen wird. Wenn, anders als Hitler, der ausschließlich im Kreise seiner Soldaten auftritt, Elser auch mit einem Alltag und von alltäglichen Menschen umgeben gezeigt wird, dann deshalb, weil Elser zwar als Einzelner handelt, aber doch sich des Auftrags bewußt ist, den er unausgesprochen für die mit übernimmt, die als Arbeiter und künftige Kriegsopfer von den Nazis betroffen sind. Elser ist immer auch einer von vielen. Hitler ist von seiner Kriegsmaschine umgeben, Elser vom Volk, sein Handeln hat die Legitimation des Volkes. Die Gruppe des militärischen Widerstands, die nicht nur nicht zum Handeln kommt, sondern auch noch verantwortlich dafür gemacht wird, daß Hitler früher aus München aufbricht und dadurch vom Attentat verschont bleibt, spielt als Alternative und dritte Kraft, als staatstragender Widerstand keine Rolle mehr. Elsers Widerstand folgt eher einem anarchistischen Modell, in dem jeder Einzelne für die Zerstörung staatlicher Macht verantwortlich ist, ohne daß dahinter als Legitimation die Vision der Errichtung eines neuen, demokratischen Staates stehen muß (oder darf). Es ist diese anarchistische Komponente in Peter Paul Zahls Darstellung Elsers, die verhindert, daß er zum Helden oder Märtyrer seiner Tat und ihrer Folgen werden kann. Das hat dieser Elser übrigens mit Chaplins jüdischem Frisör gemeinsam, dessen anarchistischer Widerstand des kleinen Mannes gegen den 'Großen Diktator' ebenfalls im (unfreiwilligen) Zweikampf, hier sogar in derselben Person ausgetragen wird.
Ende der 80er Jahre, genauer zum fünfzigsten Jahrestag des Attentats 1989 ist der Stoff reif für eine deutsch-amerikanische Coproduktion im Hollywood-Stil8. Klaus- Maria Brandauer hatte in István Szabos Mephisto (1981) den prominenten Mitläufer und kulturellen Repräsentanten des Nazi-Regimes gespielt, jetzt führt er (zum ersten Mal) Regie und spielt zugleich den Hitler-Attentäter Georg Elser in seinem Film. Der Unterschied zum dokumentarischen Fernsehspiel von 1969 kann nicht größer sein: Während dort Elser einzig und allein die Bombe und das Attentat im Kopf hat und jeden Kontakt zu Frauen vermeidet, wird die Darstellung des Geschehens in Brandauers Film melodramatisch ausgeweitet. Die Figur des Elser (Fritz Hollenbeck) ist 1969 bis zur äußerlichen Ähnlichkeit und in der Mundart authentisch nachempfunden worden, er ist dort ein kleiner unscheinbarer fast archaischer schwäbischer Dickkopf und passionierter Bastler; 1989 macht Brandauer aus ihm einen modernen, nervösen gejagten Gesinnungstäter, der Glück bei den Frauen hat und beinahe seine Freundin, die mit seinem Kind schwanger ist, mit der Bombe in die Luft jagt. Im mit Hakenkreuzfahnen dekorierten Bürgerbräukeller wimmelt es von SA- Uniformen. Auf der Toilette wird Elser von zwei SA-Männern schlimm mißhandelt, weil er den Hitlergruß verweigert hat. Wir spüren förmlich, wie der Haß auf diese Verbrecher in ihm hochsteigt und als er und wir mit ihm im Kino die Wochenschau vom Überfall Nazideutschlands auf Polen und dem Beginn des Zweiten Weltkriegs sehen, ist es keine Frage mehr, daß Hitler getötet werden muß. Schon bei Elsers Ankunft in München muß er sehen, wie eine (jüdische?) Familie aus dem Haus, in das er gerade einzieht, abgeholt wird. Seine Vermieter sind stramme Nazis, die Führerreden sind akustisch allgegenwärtig. Was das dokumentarische Fernsehspiel zu wenig an zeitgenössischem Kontext und Kolorit dargestellt hat ist hier eindeutig zu viel. Als Elser schließlich die Bombe plaziert hat wird seine hübsche Freundin, eine Kellnerin im Bürgerbräukeller, verpflichtet, dem Führer während der Rede ein Glas Wasser zu reichen. Um sie (und sein Kind) vor der eigenen Bombe zu retten, fliehen beide Hals über Kopf in der Eisenbahn Richtung Zürich. Die Flucht wird bemerkt, die beiden Flüchtigen werden verfolgt. Elser versucht an der schweizer Grenze aus dem Zug zu fliehen und wird von der Grenzpolizei gestellt. Ein Obergruppenführer erfährt bei dem ersten Verhör, daß im Bürgerbräukeller eine Bombe neben Hitler explodieren soll, er kann die Explosion nicht mehr verhindern, aber der Führer bleibt durch seine verfrühte Abreise verschont. Elsers Freundin darf wieder in den Zug einsteigen und Deutschland verlassen, weil der Nazi sich menschlich zeigt und an ihr ein Unrecht gegenüber seiner eigenen Frau wieder gutmachen will. Der Film endet mit der Frage an Elser, warum er das getan habe und dessen lapidarer Antwort: 'Einer mußte es ja tun'. Die Mischung aus dokumentarischen und fiktionalen Elementen, aus denen sich das Geschehen zusammensetzt, kulminiert einerseits in Elsers Verhaftung an der schweizer Grenze, allerdings im Zug und andererseits in der Bombenexplosion im Münchner Bürgerbräukeller, auf die ein spannender Unterhaltungsfilm 1989 nicht verzichten kann. Wir sehen das Haus von außen, die Explosion und erfahren erst danach, daß Hitler davongekommen ist. Aber dieses zentrale 'Ereignis' hat längst hinter dem melodramatischen Filmschluß der gemeinsamen Flucht, Elsers Verhaftung und Rettung der Geliebten und Mutter seines Kindes, mit dem sich auch die Hoffnung auf die Zukunft verbindet, an Bedeutung verloren. Die Explosion wird der Vollständigkeit halber nachgeholt, weil es auch um eine Bombe ging, aber ein 'Ereignis' ist sie nicht mehr.

1995 heißt eine Fernsehdokumentation von Christian Berger Eine Höllenmaschine für den Führer. Der Widerstandskämpfer Georg Elser. Entsprechend ist die Darstellung ganz auf den Akt des Widerstands abgestellt. Der Film beginnt mit der Nazi-Feier und Hitlers Rede am 8.November 1939 im Münchner Bürgerbräukeller, eine Uhr tickt, der Zeiger springt auf 21.20 Uhr und eine Explosion ist zu hören.

Wochenschaubilder zeigen die Zerstörung, der Hitler entkommen konnte und sie zeigen die Opfer, die nur einen Gedanken hatten, daß dem Führer nichts passiert ist. Anschließend wird die Geschichte eines Widerstandskämpfers und der Vorbereitung seines Attentates rekonstruiert an Hand der Verhörprotokolle, die zu diesem Zweck eigens aus den Regalen des Bundesarchiv geholt werden, wo sie heute aufbewahrt werden. Zeitzeugen werden befragt, darunter Familienangehörige Elsers, die im idyllischen Königsbronn aufgesucht werden, wo Elser aufgewachsen ist. Elser hatte tatsächlich einen unehelichen Sohn, der alte Fotos aus einer Kiste kramt und eine Nachbarin hat noch ein Nähmaschinentischchen, das Elser gebastelt hat. Nur ungern erinnert man sich an diesen noch immer ungeliebten Sohn der Stadt, der Schuld war, daß ihre Idylle von den Nachforschungen der Gestapo, Verhaftungen etc. gestört worden ist. Im nahen Schnaitheim bei Heidenheim, wo Elser einige Jahre gelebt und gearbeitet hatte, konnte 1971 gegen den Widerstand der Bevölkerung ein kleines Denkmal durchgesetzt werden. Alles deutet darauf hin, daß sich die Deutschen mit diesem Einzelnen und seinem Attentat abgefunden und ihn in die Geschichte des Widerstands gegen den Nationalsozialismus aufgenommen haben.
Rechtzeitig zum 60.Jahrestag am 8.November 1999 erschienen in der 'Frankfurter Rundschau' moralphilosophische Überlegungen des Mitarbeiters des Chemnitzer Hannah-Arendt –Instituts für Totalitarismusforschung Lothar Fritze9. Er fragt, ob und unter welchen Umständen der Anschlag Elsers gerechtfertigt sein könnte und kommt zu dem Ergebnis, daß die Tat aufgrund ihrer Ausführungsweise moralisch nicht zu rechtfertigen und Elser daher moralisches Versagen vorzuwerfen sei. In "scholastischer Manier", wie einer seiner Kritiker (Peter Steinbach10) bemerkt, man kann auch sagen in vollkommen formalem Vorgehen, hakt der Moralphilosoph einen Kriterienkatalog ab, dessen Erfüllung allein die moralische Legitimation des Tyrannennmordes, also auch Elsers Tat zuläßt. Ich will hier nicht die universalistischen Hürden aufzählen, die dem aktiven Widerstand entgegengestellt werden. Zum Beispiel müsse es sich um eine erkennbar außergewöhnliche Gefahr handeln, die mit keinen anderen Mitteln zu niedrigeren 'Kosten' an Leib und Leben Unbeteiligter abgewehrt werden kann. Die Tat muß mit hoher Wahrscheinlichkeit erfolgreich und der Erfolg kontrollierbar sein. Schließlich müsse ein politisches Konzept erkennbar sein, das eine Neuordnung nach dem erfolgreichen Attentat ermöglicht (was z.B. dem anarchistischen Konzept Peter Paul Zahls widerspricht). Bis hierher kann man sagen, daß die Kriterien, die den Stauffenberg-Anschlag rechtfertigen, im Falle Elser natürlich nicht zutreffen. Fritzes Hauptinteresse gilt dem Anschlag selber, bei dem 8 Menschen zu Tode kamen und über 60 weitere schwer verletzt wurden. Der Tyrannennmord an Hitler scheint objektiv gerechtfertigt, obwohl die Millionen Toten zur Zeit des Anschlags noch lebten, also nicht verrechnet werden können, subjektiv hätte im Falle Elsers die Berechtigung, Hitler zu töten, erst durch intensive zeitgeschichtliche Studien begründet werden müssen, die das Verbrecherische des Regimes fraglos offenlegen. Unter den Toten und Verwundeten sind viele Gesinnungsgenossen Hitlers, aber auch völlig unbeteiligte Kellnerinnen, über deren Leben nicht einfach verfügt werden kann, die also hätten gefragt werden müssen, ob sie mit ihrem Opfer einverstanden sind. Insbesondere hätte Elser selbst am Ort des Anschlags bleiben und sein Leben riskieren müssen, was nur recht und billig ist, wenn er ebenso das Leben anderer, Unbeteiligter wissentlich riskiert. Dann hätte er auch auf die Gefahr, entdeckt zu werden, den Mechanismus der Bombe außer Kraft setzen müssen, nachdem sie ihren Zweck nicht mehr erfüllen konnte. Die moralische Verurteilung Elsers beruht also vor allem darauf, daß er selbst mit seinem Anschlag nicht sein Leben riskiert, wohl aber das Leben anderer geopfert hat. Das dahinter stehende legitime Modell des Attentats ist eindeutig, es ist das Stauffenberg-Attentat vom 20.Juli 1944, das allerdings ebenfalls erfolgreicher verlaufen wäre, hätte Stauffenberg sich mit Hitler in die Luft gesprengt.
Auf der einen Seite ist diese Intervention, gegen die massive Proteste erhoben wurden, entweder als akademische Schreibtischtat, wenn auch an einem renommierten Institut für Totalitarismusforschung, ohne Bedeutung oder sie ist als Symptom für eine Neubewertung der Tradition des Widerstands gegen eine verbrecherische Regierung im Rahmen der Auseinandersetzung mit der jüngsten Vergangenheit der Deutschen ernst zu nehmen. Die Universalisierung der Widerstandskriterien, die den realen Bedingungen der Situation enthoben sind, deuten auch auf eine Entwirklichung der Umstände, gegen die der Widerstand jedes einzelnen gefordert war und künftig gefordert sein könnte. Das will ich hier nicht diskutieren und statt dessen auf den Anfang meines Vortrags zurückkommen. Dort hatte ich gesagt, daß das 'Ereignis' selbst bzw. das, an dessen Stelle es als Wiederholung steht, unzugänglich ist und erst als diskursiviertes Geschehen Eintrag in die Geschichte findet. Das Zentrum des Geschehens, die Bombenexplosion, ist für alle narrativen Verfahren, die dokumentarisch an der (Re-)Konstruktion der realen Geschehnisse interessiert sind, eine Leerstelle, sie kann jedoch sehr wohl 'nach/erzählt' und als Geschehen wiederholt werden in einem fiktionalen narrativen Verfahren. Das moralische Gutachten über Elsers Tat von Lothar Fritze bewegt sich (fast) ausschließlich im Kern des Geschehens, der als 'Ereignis' nicht zugänglich, nur fiktional besetzt werden kann (wie das ruhige Auge eines Hurrikans, in dem man sich getrost Gedanken über den Sturm machen kann). Fritze fiktionalisiert das einzig 'Reale' und deshalb unzugängliche des Geschehens (z.B. mit der Forderung, daß die unfreiwilligen Opfer gefragt werden müssen, ob sie mit ihrer Rolle einverstanden sind, da niemand über ihr Leben verfügen dürfe). Fritze fordert, daß das Geschehen selbst hätte ungeschehen gemacht werden müssen, als klar war, daß Hitler von der Bombe nicht mehr definitiv getroffen werden konnte. Fritze läßt das Ereignis implodieren, indem er es an seiner Stelle zurücknehmen möchte. Fritze möchte ein Ereignis, das als Entschluß und Geschehen des Widerstands eines Einzelnen in die Geschichte eingegangen ist und dort inzwischen auch seinen Platz behauptet, aus der Geschichte löschen. Dagegen ist Widerstand angesagt.
1 Karlheinz Stierle: Geschehen, Geschichte und Text der Geschichte
(971). In: H.Brackert, E.Lämmert (Hg.) Reader zum Funkkolleg: Literatur
Band 1, Frankfurt/M 1976, S.210-216
2 Vgl. Eva Meyer: Die Form der Wiederholung. In: Kunstforum 114,
1991, S. 148-154. – Zur "Ereignis-Philosophie" von Gilles Deleuze: Gilles
Deleuze, Claire Parnet: Dialoge. Frankfurt/M. 1980, S. 59-82
3 Michel Foucault: Von der Subversion des Wissens, München
1974 (=Reihe Hanser 150)
4 Ich folge hier der Dokumentation von Anton Hoch, Lothar
Gruchmann: Georg Elser: Der Attentäter aus dem Volke. Der Anschlag
auf Hitler im Bürgerbräu 1939. Frankfurt/M 1980
5 Vgl. zur juristischen Diskussion um das Widerstandsrecht im
GG: Fritz Bauer: Die Humanität der Rechtsordnung. Ausgewählte
Schriften, hg. von Joachim Perels und Irmtrud Wojak, Frankfurt/New York
1998 (Im Kampf um des Menschen Rechte (1955) S.37-49; Eine
Grenze hat Tyrannenmacht. Plädoyer im Remer-Prozeß (1952) S.169-179;
Widerstandsrecht und Widerstandspflicht des Staatsbürgers (1962) S.181-205;
Das Widerstandsrecht des kleinen Mannes (1962) S.207-214 – Hanno Loewy:
Der Widerstand zwischen unbequemer Erinnerung und nationalem Mythos. In:
Gerd R.Überschär (Hg.) NS-Verbrechen und der militärische
Widerstand gegen Hitler. Darmstadt 2000, S.3-13
6 Es ist erstaunlich, daß in den Fernsehgeschichten der
Bundesrepublik wenig oder nichts über dieses doch hochdekorierte Fernsehspiel
zu erfahren ist. Vgl. Knut Hickethier: Das Fernsehspiel der Bundesrepublik
Deutschland. Themen, Form, Struktur, Theorie und Geschichte 1951-1977.
Stuttgart (Metzler) 1980 S.272, wo es allerdings falsch zitiert wird.
7 Peter Paul Zahl: Johann Georg Elser. Ein deutsches Drama. Berlin
(Rotbuch-Verlag) 1982
8 Georg Elser. Einer aus Deutschland. Regie Klaus-Maria Brandauer,
Deutschland/USA 1989 nach dem Roman von Stephen Sheppard: Georg Elser.
Einer aus Deutschland ('The Artisan'). München 1989
9 Lothar Fritze: Die Bombe im Bürgerbräukeller. Der
Anschlag auf Hitler vom 8.November 1939. Versuch einer moralischen Bewertung
des Attentäters Johann Georg Elser. Frankfurter Rundschau, 8.11.1999
10 Peter Steinbach, Johannes Tuchel: Es scheint als schreckte
die Öffentlichkeit vor Elser zurück. Der Widerstandskämpfer
und das Attentat vom 8.November 1939. Deutungen und Diffamierungen. Frankfurter
Rundschau, 18.11.1999. Ebenso: Bernhard Honnigfort: Ein Anruf vom Verfassungsschutz
... Frankfurter Rundschau, 23.12.1999 – Katharina Sperber: Die Bombe, Rauchvergiftung
nicht auszuschließen. Frankfurter Rundschau, 7.1.2000 – Guntolf Herzberg:
Georg Elser tat das moralisch Richtige. Der umstrittene Angriff von Lothar
Fritze auf den Hitler-Attentäter geht fehl. Frankfurter Rundschau,
8.2.2000